Von Elisabeth Beck-Gernsheim

In unserer leistungsbetonten Zeit gewinnen auch leichte Störungen und Handicaps dramatische Bedeutung für Entwicklung, Integration, Fortkommen und Behauptung“ – dieser Satz fiel auf einer Tagung von Humangenetikern und Präventivmedizinern. Was ist dann zu erwarten, wenn die Fortpflanzungs-Technologien immer mehr Eingriffsmöglichkeiten bieten, um den Auftrag der Moderne zu erfüllen – für die „Optimierung“ der Startchancen fürs Kind? Können verantwortungsbewußte Eltern es in Zukunft noch wagen, ihrem Kind die Möglichkeit eines Handicaps zuzumuten? Müssen sie nicht alles Verfügbare tun, um jede Beeinträchtigung abzuwenden?

Eltern, die sich auf diese Anforderungen einlassen, müssen das gesamte Instrumentarium der pränatalen Diagnose nutzen. Und je mehr diagnostiziert werden kann, desto mehr wächst auch die Wahrscheinlichkeit, daß ein Defekt festgestellt wird. Fällt nun das Ergebnis in diesem Sinne ungünstig aus, dann müssen die Eltern sich wohl dazu entscheiden, die Schwangerschaft abbrechen zu lassen. Denn hieße nicht jede andere Möglichkeit, dem Kind einen Lebensweg zumuten zu wollen, der mit ungünstigeren Startchancen beginnt?

Damit nicht genug. Konsequent weitergedacht, müßte die Fürsorgepflicht der Eltern schon früher beginnen, nämlich zum Zeitpunkt der Zeugung. Die verantwortungsbewußten Eltern der Zukunft werden sich fragen müssen, ob ihr eigenes „Erbmaterial“ den Anforderungen der Zeit auch genügt; oder ob sie nicht besser zurückgreifen auf Eispende und Samenspende – sorgfältig ausgewählt, selbstverständlich. Der Ethiker Reinhard Löw malt dazu provozierend folgende Vision aus: „Eigene Kinder zu haben, bedeutet in dieser tapferen neuen Welt, sie mit dem unverantwortlichen Nachteil einer geringeren Intelligenz und einem bescheideneren Aussehen auf den Lebensweg zu schicken als die fortschrittlich gezeugten oder im Reagenzglas kombinierten. Man kann den Zeitpunkt fast schon absehen, zu dem Kinder gegen ihre Eltern wegen ‚mangelhaften Erbguts‘ klagen werden.“

Die Möglichkeiten, die via Biotechnik auf uns zukommen können, laufen auf eine bewußte „Qualitätskontrolle des Nachwuchses“ hinaus, jedenfalls langfristig und allmählich. Zur Zeit sind es nur wenige Eltern, die damit beginnen, die Medizintechnologie in Anspruch zu nehmen. Diese Männer und Frauen haben im einzelnen ganz verschiedene Motive.

Da sind zunächst die Paare, die unfruchtbar sind und nur über medizinische Zeugungshilfe zum Wunschkind gelangen. Andere gehören Gruppen an, die als „Risikogruppen“ gelten. Hier bahnt die Angst, die mit der Hochrechnung erzeugt wird, daß das Kind eine schwere Behinderung haben könnte, den Weg zur pränatalen Diagnostik. Hinzu kommen Männer, die sich sterilisieren lassen, aber vorher, gewissermaßen als Rückversicherung, noch Samen bei der Samenbank deponieren.

Ähnlich gibt es Frauen, die sich sterilisieren ließen und die später dann doch noch ein Kind wollen. Und hinzu kommen vielleicht bald auch schon Frauen, die, um den genetischen Risiken einer späten Mutterschaft zu entgehen, frühzeitig Eier einfrieren lassen; sie sind dann vom Druck der „biologischen Uhr“ entlastet und haben mehr Zeit, ihre Berufslaufbahn auszubauen. Schließlich wächst in der modernen Gesellschaft auch die Zahl derer, die alleinstehend sind, aber ein Kind wollen; für sie ist die künstliche Zeugung der einfachste Weg.