Von Cordt Schnibben

Kiel, im April

Wo vor acht Monaten „der verstorbene Amts Vorgänger“, wie er inzwischen genannt wird, seine Krücke wie ein Zepter zum Himmel reckte und das trotzig-triumphierende „Ich bin wieder da“ ausstieß, spricht nun der Politik neue Gestalt. Sie redet in der Holstenhalle zu Neumünster von „Vertrauen, Glaubwürdigkeit und Zukunft“, von „Sachverstand, Tatkraft und Verantwortung“. Die Delegierten und Gäste des Parteitages klatschen freudig und erlöst; es ist wieder von den Leistungen ihrer Partei die Rede, von ihrer Zukunft und nur noch am Ende von „Vergangenheit, Irrtum und Schuld“.

Am Ausgang der kalten, halbleeren Halle steht der ehemalige Fahrer Uwe Barschels, die Hände auf dem Rücken gefaltet, wie ein Mahnmal. In seinen Augen liegt wieder diese Leere, aus der am Tag seines Geständnisses vor dem Untersuchungsausschuß plötzlich die Tränen schossen. Vorne auf dem Podium sitzen, bis auf zwei, alle Kabinettskollegen seines früheren Chefs, die auch dem Neuen zur Seite stehen sollen. Und in ihrer Mitte lächelt Gerhard Stoltenberg, den der Verstorbene damals von diesem Pult herunter am Anfang seiner Rede als „Freund und Förderer“ gefeiert hatte.

„Politik hat ein neues Gesicht“, steht über dem überlebensgroßen Porträt des neuen Spitzenkandidaten Heiko Hoffmann. Die CDU-Delegierten freuen sich über ihr neues Gesicht, aber sie lieben es nicht. Wer sich ein bißchen unter ihnen umhört, erfährt mühelos, daß die einen Hoffmann für zu weich halten, die anderen für zu unentschlossen. Vielen ist er den Sozialdemokraten gegenüber zu nett, manche stören die altbekannten Gesichter in seinem Schattenkabinett. Aber alle wissen, daß er der Partei gut zu Gesicht steht, mit seinem freundlichen Lächeln, seiner nachdenklichen Art, seinen ratsuchenden Augen. Nach dem Triumphator braucht die Partei nun den Moderator, der die verwirrten Wähler trostspendend zu den Urnen geleitet.

Mancher Wähler wird allerdings fragen, warum sich das neue Gesicht jahrelang so vermummt hat, daß Uwe Barschel den Unkenntlichen erst zum CDU-Fraktionsvorsitzenden und dann auch noch zum Justizminister in seinem Kabinett machte. Sie werden fragen, warum der Neue den Kopf erst hob, als der Regierungschef schon verstorben war. Lediglich ein verzweifeltes Augenrollen ist überliefert, in jener Situation, als Uwe Barschel seinem Kabinett einen Maulkorb verpaßte, um Zweifel an seinem Ehrenwort zu unterdrücken. Heiko Hoffmann und die CDU dürften den Toten nicht so schnell loswerden, wie sie möchten. Sein Schatten liegt auf Schleswig-Holstein, auf der CDU, auf den alten, neuen Kandidaten, auf dem Schleswig-Holstein Musik Festival, auf Radio Schleswig-Holstein und all den anderen Erfolgen Schleswig-Holsteins, die Barschel damals in seiner Auferstehungsrede in dieser Halle der jubelnden Partei ins Gedächtnis rief. Von denselben Erfolgen lebt auch Hoffmanns Rede am selben Ort, acht Monate später.

Die „Barschel-Eifer-Affäre“, wie der Landesvorsitzende Gerhard Stoltenberg errötend und sich verhaspelnd ausruft, „löscht nichts von dem aus, was Christdemokraten in diesem Land geleistet haben“, und lockt damit das einzige Mal während seiner Rede brandenden Beifall hervor. Barscheis Verdienste trösten denn auch so unerschütterliche Christdemokraten wie den Landtagsabgeordneten Reiner Ute Harms über die „schmerzlichen Vorgänge“ hinweg. In seinem Wahlkreis „herrscht so viel Optimismus“ bei seinen Parteifreunden, weil nun kein Flugzeugabsturz mehr die Leute paralysiere. Wenn man in Ruhe mit den Bürgern spreche, höre man, daß „Uwe Barschel in den Köpfen aller Bürger nach wie vor ein sehr beliebter Politiker ist. Er war ein überall akzeptierter Landesvater. Es gibt keine ernsthafte Kritik an seiner Politik.“ Und viele im Lande zweifelten immer noch an seiner Schuld, „weil sie ihn geliebt haben und wissen: Es war Mord!“.