Rede zur Eröffnung der Ausstellung „Günter Eich“ im deutschen Literaturarchiv in Marbach am Neckar

Akazien sind ohne Zeitbezug. / Akazien sind soziologisch unerheblich / Akazien sind keine Akazien.“ An diesem Dreizeiler von Günter Eich, betitelt „Zwischenbilanz für bedauernswerte Bäume“ ist eine Zeile falsch, nämlich die letzte. Akazien sind nicht zuletzt deshalb Akazien, weil sie, wie alle Bäume, „ohne Zeitbezug“ und „soziologisch unerheblich“ sind. Wäre es nicht so, so wären sie keine Bäume. Das wußte der Dichter so gut wie wir es wissen, aber er bediente sich dieser gezielten Fehl-Information, die ja, wohlgemerkt, an die bedauernswerten Bäume selbst gerichtet ist, um einen Jargon der sechziger Jahre zu entlarven, der ihm tief zuwider war.

Diese lapidare Parenthese des Affektes, das immerwiederkehrende Über-das-Ziel-Hinausschießen war dem späten Günter Eich zur Methode, wenn nicht gar zum Stilmittel geworden, das er virtuos handhabte, manchmal an der Grenze zum Trivialschock. Oft aber wurde ihm diese Parenthese zur beschwörenden Metapher, die, wie ich es sehe, ihre emphatische, mitunter kathartische Wirkung bis heute nicht verloren hat. Ja, sie erhält durch gewisse Tendenzen innerhalb der Postmoderne einen zusätzlichen Sinn, als gleichsam vorweggenommene Parodie.

Eich wollte in seinen kurzen Gedichten, die er, bezeichnenderweise, „lange Gedichte“ nannte, das Verkommen, ja das Zerfleddern der Sprache andeuten und das Ephemere, Nichtige, zu dessen Ausdruck sie außerhalb der Literatur diente. Er wollte aufdecken, daß und wie sehr sie die Dinge, die sie behandelt, verändert; daß die Beschreibung der Wirklichkeit des Lebens durch Unbefugte ein Gifthauch sein kann, der seinen Gegenstand verwelken und verdorren läßt. Freilich meinte er damit nicht nur die Sprache, sondern vor allem die Sprecher, deren unfehlbarer Spiegel sie ist.

Und hat er nicht recht gehabt? Günter Eich hatte, wie ich ihn verstand und noch verstehe, in allen seinen Werken, aus denen das direkte Ich spricht, recht: also in seiner Lyrik und in den kurzen Prosastücken, die er „Maulwürfe“ nannte – ein glücklich gewählter Oberbegriff, denn er bezeichnet die kleinen runden, von unten aufgestoßenen Erhebungen des Flachen. Er hatte recht, weil er eine verlorene Position verteidigte, nämlich die Natürlichkeit in der Natur, zu der nicht zuletzt, aber auch nicht an exponiert hervorragender Stelle auch der Mensch gehört. Man ist an Gustav Mahler erinnert, der in seiner Dritten Sinfonie „die ganze Welt“ ausdrücken wollte, unter anderen Geschöpfen und Gewächsen auch den Menschen.

Ich muß um Verständnis bitten dafür, daß ich, indem ich hier über den späten Günter Eich spreche, auch über mich selbst sprechen muß. Ich tue es nicht gern und habe es auch noch niemals getan. Ich muß es tun, um meine subjektive Perspektive zu erklären, denn eine ähnliche Affinität mit einem Menschen, eine ähnliche Übereinstimmung in den entscheidenden Sichten des Lebens und dessen was ihm Wert gibt, hatte ich zuvor nicht erfahren. Obgleich er wahrscheinlich ältere, vielleicht auch intimere Freunde hatte, und mancher unter Ihnen sein mag, der ihn besser kannte als ich, war Günter Eich ein Teil von mir, jener Teil nämlich, der das wachsende, sich potenzierende Entsetzen vor den tödlichen Neuerungen des Lebens immer wieder aufs neue erfährt, und dem es sich als Agens des kreativen Willens aufzwängt, als niemals nachlassende Trauerarbeit, die aber immer wieder scheitert, weil neue, unerahnte Erfahrung dazukommt. Aber während ich aufgab und sich meine Arbeit als Kontrapunkt der Verdrängung von der Gegenwart abstieß und wegbewegte, stellte Günter sich diesem Verfolgtsein und wurde, zunehmend, von Vergangenheiten eingeholt, die sich in seinen Worten in die Gegenwart eindrängten und sie schließlich bis zur Unerträglichkeit durchdrangen.

So heißt es in seinem „Versuch eines Requiems“ zwischen zwei Leerzeilen in bestürzend unsublimierter Deutlichkeit: