Von Dietrich Strothmann

Nur ein paar Tage vorher hatten die Menschen in den Straßen getanzt, fast die ganze Nacht. Des Jubels der Glücklichen war kein Ende. Ihr Staat war vierzig Jahre alt geworden. Nur drei Tage später jubelten sie noch einmal. Doch diesmal an anderem Ort, aus einem anderen Grund: John Demjanjuk, der "Haupt-Henker" des Vernichtungslagers Treblinka, wo 850 000 Juden umgebracht wurden, war vom Jerusalemer Bezirksgericht zum Tode verurteilt worden. Die da in dem umgebauten Kinosaal im "Haus der Nationen" vor Genugtuung weinten und aus Dankbarkeit jubelten, zählten zu den wenigen, die der Hölle entronnen waren. Für sie vor allem, im Namen der "Toten ohne Gräber" des Mordlagers Treblinka, war Recht gesprochen worden.

Auch dieses Gerichtsverfahren ist ein Stück Israel, genauso wie der Feiertag anläßlich der Staatsgründung: Damals, auch in Treblinka während der Jahre 1942 und 1943, auch mit den Händen jenes "Iwan des Schrecklichen", wie John Demjanjuk genannt wurde, sollten die Juden von der Erde getilgt werden, ein für allemal. Knapp zehn Jahre später wurden sie dann "wiedergeboren", in ihrem eigenen Staat. Ist Israel ohne den Holocaust vorstellbar? Stand etwa auch Hitler an der Wiege des Staates? Eine wahnwitzige Vorstellung, eine schreckliche, erschreckende Vision: der glückliche Sieg nach der Hölle über die Hölle. Wird so Geschichte gemacht?

Der Prozeß gegen Adolf Eichmann, den Organisator und Buchhalter des Massenmordes, im Jahr 1961 war für die Israelis bereits eine solche Lehrstunde in Geschichte, von den Regierenden so empfohlen: Seht, was sie mit euren Vätern, Müttern und Geschwistern gemacht haben! Erfahrt, wie sie es gemacht haben!

Damals herrschte im ganzen Land ein jähes, tiefes Entsetzen. Zum ersten Mal handgreiflich, direkt, vor eigenen Augen und Ohren erfuhren viele, die meisten, die Wahrheit des Wahnsinns: die Idee und die Vollstreckung des Todes von sechs Millionen Menschen. Und damals schworen sie sich insgeheim, daß dies künftig niemand mehr Juden antun werde, daß sich Juden auch niemals mehr wie Schafe zur Schlachtbank führen ließen. Der Holocaust stärkte den Überlebenswillen der Israelis, motivierte ihre Widerstandskraft. Manche fürchten bereits, er wirke gelegentlich wie eine Rachedroge, wie eine handliche Rechtfertigung: Nun erst recht...

John Demjanjuk war anders, das Verfahren gegen ihn hatte eine andere Dimension; es fand auch zu einem anderen historischen Zeitpunkt statt. Der Exil-Ukrainer, der bis zu seiner Entdeckung im Jahr 1975 (durch Zufall auf einem Photo) als unbescholtener Familienvater und fleißiger Ford-Arbeiter in Cleveland, im US-Bundesstaat Ohio, gelebt hatte, war ein Sadist und Schinder, der "Hausmeister der Gaskammern" am "Eingangstor zur Hölle", wie es im Plädoyer des Chefanklägers hieß. Und in der Begründung des Todesurteils stand es ebenso lapidar und unmißverständlich: Dieser John Demjanjuk sei ein "Haupt-Henker" gewesen, "eifrig und enthusiastisch", der "mit großer Lust und eigenen Händen gemordet und mißhandelt hat". Für seine Verbrechen "gegen die Menschheit und das jüdische Volk", so die drei Richter weiter, gebe es "keine Vergebung, weder vom Gesetz noch vom Herzen. Auch tausend Tode wären keine ausreichende Strafe. Denn es ist, als ob die Juden von Treblinka noch heute aus ihren Gräbern nach Hilfe schrien, als ob ‚Iwan der Schreckliche‘ noch immer da stünde, schießend, stechend, die Brüste von Frauen zerschneidend."

Dieser Demjanjuk, heute 68jährig, damals gerade um die zwanzig, ein Bulle von Statur, mit stechenden Augen, mächtigem Rundschädel und groben Händen, war kein Schreibtischtäter, fern vom Ort des Grauens, in einem getäfelten Dienstzimmer. Anders als Eichmann legte er täglich selber Hand an zum Foltern und Töten, an die Dieselmaschinen, die das tödliche Gift in die Gaskammern leiteten (später, bei Ford, arbeitete er wieder in der Dieselmotorenabteilung des Autowerks). Eichmann trug damals auch keinen Beinamen, keines seiner Opfer kannte ihn. Demjanjuk, den sie "Iwan Grosny" tauften, den "Schrecklichen", stand ihnen jeden Tag wie der leibhaftige Teufel gegenüber. Er war keine abstrakte Figur, seine Untaten waren brutale Wirklichkeit. "Mit Augen voller Tränen und zitternder Hand" habe er das Urteil geschrieben, sagte der Vorsitzende Richter Dov Levin letzten Montag bei der Urteilsverkündung.