Von Günter Altner

Die Warnung des Philosophen Hans Jonas anläßlich eines Symposiums der Frankfurter Hoechst-AG 1986: „Wir müssen wieder Furcht und Zittern lernen und, selbst ohne Gott, die Scheu vor dem Heiligen“ – diese Warnung ist durchaus gehört worden. Aber wie tief ist die Botschaft in die Gehirne der Forscher eingedrungen? Als Menetekel an der Glaswand des Gentechniklabors lassen viele die guten Worte des alten Mahners gelten, sofern sie nur allgemein-unverbindlich bleiben. Die wissenschaftliche Gemeinde hat es inzwischen gelernt, Einreden von Theologen und Philosophen, die ins Zentrum biotechnischer Begehrlichkeit zielen, als Mahnung an den „inneren Menschen“ zu feiern, wegzustecken und weiterzumachen.

Was also ist gemeint mit der „Scheu vor dem Heiligen“ in unseren Gentechniklabors? Gibt es etwas an der Natur selbst, in ihren Strukturen und Strukturgesetzen, das uns zögern lassen könnte, nicht nach unserer Willkür verändernd in sie einzugreifen? Gibt es mehr als die bloße Moral? Läßt sich der Einspruch mit einem „Naturgesetz“ begründen? Kann man wenigstens ein starkes Interesse finden? Ist hier nicht längst alles geschehen, die Moral ein Anachronismus und die belebte Natur unwiderruflich zum Warenlager menschlicher Nutzungsinteressen geworden?

In der Tat, die Kommerzialisierung der irdischen Lebenssysteme steht ins Haus, nicht nur im Sinne klassischer Vermarktungsstrategien, sondern eben vom „Kern“, vom genetischen Bestand her. Dabei wird der Forschungseinsatz gegen Hunger, Krankheiten und Umweltzerstörung zum heuchlerischen Motto für den großen Kahlschlag. Am Ende werden die durch Evolution eröffneten Lebenschancen unter die Rahmenbedingungen einer wild ausufernden Industrieproduktion gezwungen sein. Leben als Abfallhalde einer neuen gentechnischen Industriekultur?

Vom Heiligen läßt sich weit und breit nichts ausmachen. Im Gegenteil, hier wird die Entmythologisierung des Heiligen in der Natur bis zu einem letzten, äußersten Punkt vorangetrieben: zum Menschen. Nach ihm, der in der Tradition der neuzeitlichen Wissenschaft einerseits der herrschaftlich Verfügende und andererseits der durch naturrechtliche und moralphilosophische Postulate Geschützte war, nach ihm selbst greift die gentechnische Ingenieurskunst ohne Zögern. Nichts soll uns mehr heilig sein, auch wir selbst nicht. Man führe sich nur die seitens der Deutschen Forschungsgemeinschaft, der Max-Planck-Gesellschaft und der Bundesärztekammer erhobene Forderung nach „embryonenverbrauchender Forschung“ vor Augen. Um „hochrangiger Forschungsziele“ willen soll die Medizin ihre alte Ethik fahren lassen und das tötende Experiment am menschlichen Leben gestatten. Dabei ist Gentechnik mit im Spiel. Die Transferierung von Genen in den frühen menschlichen Keim zur Herstellung lebenslänglicher Resistenz gegen Krebs, Aids und andere Infektionen wird erwogen. Welcher Ignorant sähe hier nicht, daß der Weg in die Züchtung des leidensfreien (und unsterblichen) Menschen mit therapeutischen Verheißungen gepflastert wird.

René Descartes hatte – zu Beginn der wissenschaftlichen Neuzeit – noch die Sensibilität, über die von ihm deklarierte Herrschaftsstellung des erkennenden Subjektes so zu erschrecken, daß er in eine tiefe Seelenkrise verfiel. Seine späten Schüler exekutieren die von ihm begründete Kunst der rechnenden Vernunft ohne Zögern am menschlichen Subjekt selber. Hilft uns da noch das von Hans Jonas ausgerufene: Heilig, heilig ...?

„Vorstellungen von der Unantastbarkeit der Natur“, vermutet Wolfgang van den Daele, der in der Enquetekommission des Bundestages zwei Jahre über die Gentechnik mitberiet, „gelten offenbar nur solange, wie die moralischen Schranken, die sie aufrichten, zugleich auch technische sind.“ Man kann gegen diese Feststellung aufbegehren und ihren Zynismus beklagen. Aber das wäre eine vorschnelle und unfruchtbare, eine nur „moralische“ Reaktion. Denn die Feststellung stimmt zunächst einmal. Die moderne Biologie hat nicht nur Pflanzen und Tiere, sondern gerade auch den Menschen in seiner scheinbar unantastbaren Meisterstellung verfügbar gemacht. Es ist dies alles sehr viel unauffälliger und normaler, als es die Visionen von Orwell und Huxley ahnen ließen, aber um nichts harmloser und ungefährlicher. Die Manipulierung kommt peu à peu: Über die Konsumverlockung durch therapeutische Bonbons schleicht sie sich in die lebenshungrige Seele des Einzelverbrauchers ein, ohne daß dabei die Bio-Technokratie in Erscheinung treten müßte.