Er kam ganz gewöhnlich, nicht mit Pauken und Trompeten, nicht über Nacht, als Vision des neuen Schreibens und des unbegrenzten Produzierens, nein, er kam prosaisch daher, mein erster Computer, als eine deutsche Tastatur für viele noch ein Wunschtraum war. An die Darstellung deutscher Sonderzeichen auf dem Bildschirm war nicht zu denken. Statt Ü erschien eine geschlossene eckige Klammer, statt Ä eine offene. [(Ü)]bersichtlichkeit am Bildschirm war damals noch ein Fremdwort. [(Ä)]hnelten meine ersten Texte auch bizarren Kunstwerken, so konnte ich doch immerhin feststellen, daß Sprache pure Konvention ist und man ß auch gegen ein § austauschen konnte, wenn er es verlangte.

Heute ist das anders, und ich beneide die Spätachtziger unter den Anwendern um die Benutzerfreundlichkeit, die ihnen auf Papier und Bildschirm präsentiert wird. Da wird der „User“ mit Handbüchern konfrontiert, die das „Handling“ der Maschine erleichtern sollen. Fachleute nennen diese Gebrauchsanleitungen schlicht „Manuals“, um jeden Verdacht, es handle sich um einen Staubsauger oder eine Spülmaschine, von Beginn an zu zerstreuen. „Open the carton“, forderte das fürsorgliche Manual auf. Der Countdown verlief reibungslos. Alle Geräte eingeschaltet, alle Checks durchgespielt, und schon konnte es losgehen. Am Keyboard (der Tastatur) kamen Cockpitgefühle auf: „drive not ready“, press any key“, „invalid format“, “bad command“, „file not found“, – wer denkt da schon ans schnöde Schreiben, wo so viel Höheres lockt. Nach dem Booten (ein schlichter Einspeisungsvorgang) meines Schreibprogramms wurde ich eines Besseren belehrt. Die Allmachtgefühle verschwanden, das Pilotendasein am Steuerbord des Mikrozeitalters war vorbei. „Schreibe am Dateianfang, damit Seitenanzeige richtig erfolgt“ – mit dieser Unverschämtheit holte mich mein Programm auf den berühmten Boden der Tatsachen zurück. Wer um alles in der Welt erlaubte diesem Elektronenbrägen, mich zu duzen? Es kam noch schlimmer. Nach den Erstellen eines Manuskripts meldete er stolz: „Sieben Wörter habe ich getrennt“. Wer hatte da getrennt? Er? Damit nicht genug. „Ich kann den Suchbegriff nicht finden“, meckerte mein Rechner. „Dann such gefälligst“, entfuhr es mir in der abendlichen Stille. Im nächsten Moment wurde ich stutzig. Was hatte ich da getan? Noch nie hatte ich meinen Kühlschrank angebrüllt.

Computer sind ja auch nur Menschen, dachte ich besänftigt, als er den zweiten Suchbegriff fand. „Fehler E47 – Blockanfang nicht markiert!“ Das wiederum war mir zu unhöflich. Stand etwa mein rebellisches Ego der Computerarbeit im Wege? Warum konnte ich seine Kommentare nicht hinnehmen? „Ich habe diese Kennung nie gesehen!“ „Ich kann die Endemarke nicht bearbeiten!“ Wer ist dieser Egoist, der ständig klagt, prahlt („22 mal habe ich den Suchbegriff ersetzt“), jammert („Der Drucker ist nicht betriebsbereit“), Fehlschläge vorweist („0 Wörter habe ich getrennt“) oder Überlastung vortäuscht („Bitte Warten! Ich suche...“)?

Und dann die Sprache der Handbücher! Habe ich ihnen anfangs einen Ehrenplatz neben Goethes Gesamtausgabe eingeräumt, so wurden sie unlängst von dort wieder verbannt. „Ready (Bereit): leuchtet, wenn der Drucker eingeschaltet ist. Das heißt, Papier ist korrekt eingelegt, Netzschalter ist ein.“ Welch ein Deutsch! Mein früh kultivierter Sprachpurismus meldete sich zu Wort und verbot mir, Stliungetüme wie dieses in meinem Bücherschrank zu plazieren. Wenn schon an sprachliches Niveau nicht zu denken war, dann konnte man wenigstens ein kritisches und problemorientiertes Herangehen erwarten. Reflektieren, diskursiv nach Lösungswegen suchen, den Lernenden mit motivierenden Tricks der Materie näherbringen, ihm Erkenntnisspielräume verschaffen, wer kennt das nicht aus langen Stunden didaktisch-methodischen Mühens um Stoffe und Inhalte. Was für viele Bereiche unserer lernorientierten Gesellschaft gilt, für den Computer gilt’s nicht. „Ich habe extreme Probleme. Rufen Sie sofort Ihren Händler an!“ tönte neulich mein Gerät. „Nur Ruhe“, brüllte ich zurück, „den Fehler finden wir schon selber, dazu brauchen wir keinen Händler.“ Doch das Handbuch versetzte mir einen pädagogischen Hammerschlag: „Bedingt durch die komplizierte Natur von Elektronik und Mechanik beschränkt sich die Fehlerbehebung von seiten des Benutzers auf einige leicht zu erkennende Fehlersymptome und deren Behebung.“ „Owing to the sophisticated nature...“, lesen die Engländer an gleicher Stelle.

„Sophisticated das war genau das richtige Wort, endlich wußte ich, was mich an dieser Maschine nervte. Da habe ich das Programm gewechselt. Ich lasse mich nicht mehr bevormunden. Und seitdem geht’s mir besser, und dem Computer auch. Er wird nicht mehr so häufig angebrüllt; und schließlich – ist er ja auch nur ein Mensch. Ingrid Schöll