Von Irene Mayer-List

Unternehmerinnen sind rar. Sind Frauen dümmer, einfallsloser, zaghafter als Männer? Sind sie zu sehr aufs Hausfrauendasein festgelegt, bekommen sie keine Chancen in der Wirtschaft?

In Deutschland ist die Liste der erfolgreichen Unternehmerinnen schnell aufgezählt. Sie reicht von der Verlegerin Aenne Burda und den Modedamen Lilo Fink, Jil Sander und Margaretha Ley über die Brotfabrikantin Marlis Blohm-Harry bis zur Reederin Liselotte von Rantzau-Essberger und den Unternehmerinnen aus der Metallbranche, Viola Hallmann und Anne-Rose Iber-Schade. Nur ein rundes Dutzend Damen disponiert Jahr für Jahr auf eigene Rechnung über Umsätze von mehr als hundert Millionen Mark. Wo bleiben die anderen?

Diese Frage stellte sich auch die Ökonomiedozentin an der Londoner City University, Leah Hertz, selbst Geschäftsfrau in der Textilbranche und praktizierende Anwältin. Aus ihrer Frage machte sie flugs eine Umfrage und interviewte 102 englische und amerikanische Unternehmerinnen über die Geheimnisse ihres Erfolges. Die Antworten wurden zu einem recht interessanten Buch, das jetzt auch in Deutsch erschienen ist.

  • Leah Hertz: Die Business-Amazonen. Der unaufhaltsame Aufstieg der neuen Frauen. Econ, Düsseldorf 1988; 312 Seiten, 39,80 DM.

Was die Unternehmerinnen Leah Hertz zu Protokoll gaben, widerspricht allen Klischees vom ehrgeizigen, zielstrebigen Mannweib an der Firmenspitze. Die meisten der befragten Frauen – sie werden im Buch unter Pseudonym zitiert – gerieten eher durch Zufall in die Geschäftswelt und blieben auch unter Führungsstreß noch durchaus kokett und feminin. Typisch antwortete so eine Modedesignerin: „Ich wollte nie meine eigene Firma haben. Die meisten Männer planen ihr Leben – die meisten Frauen lassen die Dinge einfach geschehen. Sie fangen Dinge an, die sie mögen, etwas, von dem sie fühlen, daß es richtig ist, und dann stecken sie auf einmal tief drinnen.“

Viele der befragten Top-Unternehmerinnen erbten ihre Betriebe. Ohne jegliche Erfahrung saßen sie plötzlich auf einem Chefsessel und mußten Entscheidungen treffen, wie zum Beispiel jene amerikanische Witwe, die nach 32 Jahren Hausfrauendasein die Eisenwarenfabrik ihres Mannes wieder in die Gewinnzone brachte. Andere Unternehmerinnen bauten ihre Betriebe auf, weil sie Geld brauchten und keine Anstellung fanden, wie eine Schmuckherstellerin, die heute umgerechnet hundert Millionen Mark Umsatz macht. Und wieder andere hatten einfach eine pfiffige Idee: Eine übergewichtige Engländerin gründete eine erfolgreiche Kette von Schlankheitsinstituten. Eine Damenwäsche-Fabrikantin begann ihre Karriere als mäßig erfolgreiche Drehbuchautorin auf der Suche nach billigen Seidenschlüpfern.

Betriebswirtschaftliche Vorbildung hatten die wenigsten der Befragten: Sie lernten durch Fehler, und ihre Erfolge schreiben sie hauptsächlich harter Arbeit, Ausdauer und hoher Motivation zu. Wenn die Frauen überhaupt eine Ausbildung hatten, so war es meist ein geisteswissenschaftliches Studium. Doch auch das hinderte sie nicht an der Leitung von Bau-, Konstruktion- und Chemieunternehmen.

So unterschiedlich die Lebenswege der Interviewpartnerinnen von Leah Hertz waren, es gab erstaunliche Gemeinsamkeiten. So stammte zum Beispiel die Mehrzahl der Frauen aus Familien, in denen schon der Vater selbständig arbeitete. Zwei Drittel der Unternehmerinnen kamen zudem aus Familien, in denen die Mädchen in der Überzahl waren, und mehr als die Hälfte schließlich waren die ältesten Kinder in ihrer Familie. So litten sie vielleicht weniger unter einem Fehler, den Leah Hertz den „größten Feind der Frauen“ nennt: das mangelnde Selbstvertrauen, von dem auch in den Interviews immer wieder geredet wird.

Und die Männer? Machten sie den Unternehmerinnen das Geschäftemachen leichter oder schwerer? Ebenso wie zu ihren Alltagsproblemen in Familie und Betrieb wurden die Geschäftsfrauen auch zu diesem Thema befragt. Dazu eine Londoner Marktforscherin: „Frauen müssen sich im Geschäftsleben mit einer Menge von Problemen herumschlagen. So müssen sie sich zum Beispiel zu allererst rechtfertigen, warum sie ins Geschäftsleben eingetreten sind. Als ob sie ständig das Grundstück von jemand anderem betreten.“

Das Gros der befragten Unternehmerinnen fand, daß man sich als Frau im Geschäftsleben schwerer tut. Viele hatten zunächst Schwierigkeiten, Kredite zu bekommen. Auch wollten männliche Angestellte des öfteren unter einer Chefin nicht mehr arbeiten. Eine erfolgreiche Investmentberaterin in der Londoner City klagte, daß sie ihren Kunden die Richtigkeit ihrer Strategien wesentlich detaillierter beweisen müßte als ihre männlichen Kollegen. Und die Inhaberin einer amerikanischen Baufirma in Los Angeles wurde – trotz hundert Millionen Mark Umsatz in ihrem Betrieb – von ihrem Bankdirektor immer noch mitleidig mit „Herzchen“ tituliert.

Nicht zuletzt weil sich Frauen in der Geschäftswelt oft schwerer behaupten, sind weibliche Unternehmerinnen rar. Gibt es ähnliche Probleme auch bei Managerinnen? Auch in den Chefetagen großer Unternehmen findet man die Frauen am ehesten in den Sekretariaten. In der Bundesrepublik liegt der Anteil der Frauen in leitenden Positionen bei gut vier Prozent, wobei er in Handel und Industrie etwas höher ist, bei Banken und Versicherungen dafür unter einem Prozent. Auf der allerobersten Führungsebene sind Frauen sowieso noch in nahezu allen Branchen eine Seltenheit.

Woran liegt’s? Über ihre Erfahrungen beim Aufstieg ins Topmanagement berichtet die Italienerin Marisa Bellisario in einer Autobiographie, die zwar schlecht übersetzt, aber spannend zu lesen ist.

  • Marisa Bellisario: La Donna. Die aufregende Autobiographie der italienischen Topmanagerin. Econ, Düsseldorf 1988, 296 Seiten, 38,– DM

Marisa Bellisario, um die fünfzig Jahre alt, ist Vorstandschefin der staatlichen italienischen Telekommunikationsfirma Italtel. Vor sieben Jahren überließ man ihr diesen Posten, der als Himmelfahrtskommando gilt: Italtel machte mit 30 000 Beschäftigten fast eine halbe Milliarde Mark Verlust. Doch „die Bellisario“ schaffte das Unmögliche. Sie brachte den Konzern nach wenigen Jahre mit stark reduzierter Mitarbeiterzahl wieder in die Gewinnzone. Seither gilt sie als italienisches Frauenwunder.

Viele Italiener beargwöhnen sie dennoch: Die einen neiden ihr den Erfolg. Die anderen – besonders die Bürokraten – finden, daß eine Frau nicht an die Spitze eines respektablen Staatsunternehmens gehört, zumal wenn sie eine Punkfrisur trägt und manchmal mit Jeans ins Büro kommt. Und schließlich weigern sich manche konservative Unternehmer, mit ihr zusammenzuarbeiten, weil sie vor einigen Jahren als aktives Mitglied in die Sozialistische Partei eintrat und eine sehr direkte Art hat, ihre Meinung zu heiklen Themen zu sagen.

Marisa Bellisario stört Kritik an ihrem Managementstil wenig. Sie findet, daß die Chefin eines großen Konzerns sich den Spaß am Leben und an der Arbeit nicht verderben lassen dürfe und zu ihrer Art stehen müsse. So geniert sie sich denn auch nicht, in ihrem Buch neben ihren Managementstrategien für Italtel auch darzulegen, mit welchen Minikleidern, Nerzmänteln und Hot Pants sie in jüngeren Jahren ihre Kollegen schockierte.

Als junge Frau hatte sie eher von Heirat als Karriere geträumt. Ende der fünfziger Jahre bewarb sie sich mit einem Betriebswirtschaftsdiplom bei Olivetti in Ivrea. Voraus ging ihr die Empfehlung eines Freundes ihres Vaters, dem Chef des Finanzamtes im piemontesischen Städtchen Ceva. Aus Respekt vor den Steuereintreibern bot man ihr bei Olivetti Jobs als Buchhalterin oder Sekretärin an und – als Alternative – einen Computerkurs in Mailand. Die Großstadt lockte, und so fing Marisa Bellisario an, mit Computern zu arbeiten, damals noch ein Pioniergebiet in Italien. Sie selbst schreibt, daß ihre Berufswahl eher ein Zufall war und sie genausogut in einer Buchhaltungsabteilung hätte landen können.

Doch die Computer waren für sie Liebe auf den ersten Blick. Sie schloß ihren Kurs als Beste ab, arbeitete bald nächtelang an ihren Programmen und wurde bei Olivetti immer öfter dann geholt, wenn es in der neu aufgebauten Abteilung für Computer ein Problem gab. Sogar ihren Mann lernte Marisa Bellisario über ihre Arbeit kennen; heute ist er Professor an der Universität in Turin.

„Die schnellste Art zu lernen ist das ‚Machen‘. Herausforderungen muß man immer annehmen“, schreibt Marisa Bellisario in ihrem Buch. Und weil sie immer lernbegierig war und sich auch bemühte, die ihr gestellten Aufgaben möglichst perfekt zu erledigen, kam ihre Karriere – erst bei Olivetti, dann bei anderen Firmen – wie von selbst. Sie war einfach fachlich besser als die Kollegen.

Und dennoch gab es bei ihrem Aufstieg erstaunlich viele Rückschläge. Intelligenz allein zählte nicht immer: Mehrmals wurde ihr bedeutet, daß sie zwar viel leiste, aber daß es für eine Frau an der Spitze eines Unternehmens einfach „noch zu früh“ sei.

Marisa Bellisarios Fazit aus ihren Erfahrungen: „Erfolgreich zu sein ist für eine Frau schwieriger, macht aber viel mehr Spaß.“ Und typisch für ihren Weg setzt sie noch hinzu: „Die Karriere ist nicht das wesentliche Ziel: Das, was zählt, sind die eigenen beruflichen Zielvorstellungen und der Erfolg des Unternehmens, dessen Leitung und Erfolgsbilanz einem anvertraut sind; diese Leistungen bezeugen die Qualität des Managers, nicht die ‚Orden auf seiner Brust‘.“