Von Helmut Schödel

Schon über sechs Jahre arbeitet der heute 30jährige Christoph Schaub im Züricher "Videoladen", einer Filmkooperative, in der 1981 "Züri brännt" entstand. Als das Züricher Bürgertum die Jugendbewegung zerschlagen hatte, gaben auch viele im "Videoladen" auf. Christoph Schaub blieb. 1986 drehte er "Wendel" (wofür er den diesjährigen Max Ophüls-Preis erhielt).

Wendel (Kriton Kalaitzides), der zur Zeit der Bewegung in einem Jugendzentrum gearbeitet hat, lebt inzwischen in New York. Er hat Zürich verlassen, geheiratet, sein Leben geordnet. David (Daniel Buser), mit dem er früher gelebt, den er geliebt hat, ist in Zürich geblieben und führt ein Sponti-Leben, jobbt als Flohmarkthändler.

Gleich zu Beginn des Films stößt David bei seiner täglichen Zeitungslektüre auf eine "große Antiquitäten- und Mobiliarliquidation". David kauft: einen ausgestopften Vogel, alte Zeitschriften und Photopostkarten (schwarz-weiß wie Schaubs Film). David bringt Erinnerung unter die Leute, alte Photos und Vögel von damals. Schaubs Debüt-Film setzt diese Arbeit fort. "Wendel" – das ist Schaubs erste Erinnerung an den Autorenfilm. Das Kollektiv ist zerschlagen, Beziehungen sind zerstört. Wer jetzt redet, ist nicht selten ein Einzelner.

Wendel kehrt für ein paar Tage aus New York nach Zürich zurück, um ein Haus zu verkaufen. Schon wühlt David, wie kurz zuvor in alten Postkarten, in Erinnerungsphotos. Eines dieser Bilder wiederholt sich am Ende des Films: David und Wendel fahren Boot. Aber ihre gemeinsame Geschichte holen sie nicht zurück. Was bleibt, ist die Erfahrung, Davids Stärke.

David läuft keuchend einen Bahndamm entlang, als auf derselben Richtung ein Zug daherkommt. Donnernd überholt er den neidlosen Jogger. Bald wird der Zug in der Ferne in sein Ziel rasen. Alle, die es (wie Wendel) dem Zug gleichtun, schaffen Platz für David. Er harrt an den Startlöchern aus und setzt auf den längeren Atem. Man muß sich jetzt überholen lassen, um ein Anfänger zu bleiben – aus Prinzip.

Den Erinnerungsphotos entspricht eine Reihe von Rückblenden. David und Wendel in den siebziger Jahren: ausgelassen, verliebt, auf Reisen. Diese Szenen haben das größere Tempo, werden beschleunigt von einer Sehnsucht, die wir seit Rutschkys Essay "Erfahrungshunger" nennen. Davids erste Erinnerung zeigt Wendel, wie er lachenden Gesichts auf einem Brückengeländer balanciert. Während Wendel sein. Haus verkauft, findet David ein altes Photo, das die Szene auf der Brücke dokumentiert. Daneben steht: "Balance". Erst später sehen wir die Brückenszene in voller Länge. Wendel balanciert – und kippt. Übermütig sieht man ihn mit David davonrennen, einen weiten Weg über eine lange Brücke.