Die Satire-Redakteure von Muell, der „Endgültigen Kölner Schülerzeitung“, gingen in ihrer ersten und zugleich letzten Ausgabe nicht den langen Marsch durch die Institutionen Kirche und Schule; sie sprachen direkt mit Gott. Im Interview erhielten sie recht überraschende und freimütige Antworten: Muell: „Was hören Sie denn so an Musik?“ Gott: „Mir wird ja eine Vorliebe für sakrale Musik nachgesagt, aber eigentlich finde ich dieses Orgelgedudele und auch jede andere Form von religiöser Musik ekelhaft... Im Grunde genommen bin ich ein Punk, mein Job erfordert aber leider sehr viele Rücksichten und Kompromisse.“

War die anfängliche Scheu im Kontakt mit Gott erst einmal überwunden, wurden die Fragen von Muell direkter: „Herr Gott, benutzten Sie Kondome bei Ihren Ausschweifungen?“ Gott: „Ja, natürlich; allerdings ist die Zuverlässigkeit dieser Dinger begrenzt, ich habe da vor knapp 2000 Jahren unangenehme Erfahrungen machen müssen.“

Jesus Christus, die Folge eines geplatzten Kondoms? Also doch befleckte Empfängnis?

Ende Januar wird am humanistischen Friedrich-Wilhelm-Gymnasium zu Köln, das große Stücke auf sich hält, die neue Schülerzeitung verteilt. Die Eltern fordern Schulverweis. Ein katholisches Privatgymnasium kündigt Strafanzeige an. Der heilige Zorn entfacht sich am Interview mit Herrn Gott und an einer erfundenen Rede des Schuldirektors. Ihr zufolge sollen im Zuge der Aids-Kampagne Kondomautomaten im Schulgebäude aufgestellt werden. Der Förderverein der Schule, von Eltern getragen, bezahle das Projekt. Andere ehrwürdige, gutkatholische Gymnasien würden – praxisnaher Unterricht! – Exkursionen in Bordelle planen, so die falsche Rede weiter. Und aus dem Lehrplan wird zitiert: „Der Maria-Komplex – die zeugungslose Schwangerschaft und wie man sie verhindern kann.“

Heiliger Zorn

Muell, in tausend Exemplaren gedruckt, findet trotz oder wegen der empörten Reaktion reißenden Absatz.

Jüngere Schüler verstehen dies alles nicht so recht, sie haben noch kein Empfinden für Satire und fragen, wo in ihrer Schule der Kondomautomat stehe. Eltern sind entsetzt: Und mit sowas muß mein Kind auf eine Schule gehen! „Muell zu Müll!“ schimpft ein Vater. Ältere Schüler, im Skandalblatt als „bieder–strebsame Gymnasiasten“ in die Pfanne gehauen, rächen sich an den Redakteuren. Auf den Schulgängen werden die Muell-Macher angemacht, Schülerrufe verlangen nach Scheiterhaufen, Gasöfen. Ein Flugblatt der Schülersprecher macht die Runde: Muell sei „niveaulos“, „diffamierend“, „mißglückt als Satire“ und „diskriminierend“. Eine Entschuldigung der Täter fordert das Flugblatt, sie sollen an der Schule keine Zeitung mehr schreiben dürfen. Gute Zeiten für Satire, schlechte für Satiriker.