Von Dieter Buhl

Seit seinem beeindruckenden Sieg bei den New Yorker Vorwahlen in der vergangenen Woche erlebt Michael Dukakis, was noch jedem politischen Spitzenreiter blühte: Die Fragen werden schärfer, die Meßlatte liegt höher, die Attacken nehmen zu. Dem Gouverneur von Massachusetts, der jetzt die besten Aussichten besitzt, Präsidentschaftskandidat der Demokraten zu werden, stehen schwere Prüfungen bevor. Am härtesten könnten sie für ihn werden, wenn der Verdacht an ihm hängenbliebe, den seine republikanischen Widersacher bereits eifrig schüren: Ist Dukakis ein Jimmy Carter aus dem Norden?

Ein Vergleich zwischen den beiden Politikern ergibt in der Tat auffallende Ähnlichkeiten. Dukakis wie Carter haben ihre politischen Sporen als Gouverneure verdient; beide traten als weithin Unbekannte den Kampf um die Präsidentschaft an; beide geben sich als Technokraten, die an die Allmacht der Regierung glauben; beiden sind Arroganz und Selbstgerechtigkeit nicht fremd. Die Parallelen mögen reichen, um Angst zu schüren. Dennoch können Amerika und die Welt aufatmen. Jimmy Carters politische Wiedergeburt findet nicht statt.

Ganz abgesehen davon, daß der glücklose 39. US-Präsident nachträglich in besserem Licht erscheint – sein möglicher Nachfahr im hohen Amt ist kein Doppelgänger. Er hat sich bisher weder als Laienprediger noch mit Pathos hervorgetan, er läßt weder Übereifer noch Überschwang erkennen, und außerdem lächelt er nicht soviel.

Dabei hätte Dukakis allen Grund zum Lachen. Bei seinem Anlauf zum Weißen Haus hat er fünf Mitbewerber überrundet, die alle mindestens gleich gute Startpositionen hatten. Als häufiger Teilnehmer am Bostoner Marathon weiß der Gouverneur offenbar genau, wie man seine Kräfte einteilt und die Gegner zermürbt. Er kann auch die nächsten Runden ohne Ballast angehen. Entgegen der Gepflogenheit demokratischer Präsidentschaftskandidaten hat er sich im Wahlkampf keinen Interessengruppen verdingt. Weder die Gewerkschaften noch liberale Lobbies oder ethnische Minderheiten haben ihn mit Wahlhilfe auf ihre Ziele einschwören können. Michael Dukakis ist, die Wählerlaunen ausgeklammert, Herr seines politischen Geschicks.

Seine Unabhängigkeit beunruhigt manche Amerikaner. Sogar demokratische Parteifreunde fragen, wo und wofür Dukakis eigentlich steht. Nicht einmal sein persönliches Profil ist unumstritten. Kleingewachsen, schmalschultrig und mit prominenter Nase entspricht der südländische Typ gewiß nicht dem gewohnten US-Standard für Präsidentenbewerber. Nervöse Funktionäre der Demokraten sorgen sich denn auch bereits, ob solch ein Mann, dazu noch mit zwei ‚k‘ in seinem Namen, in Amerika überhaupt wählbar ist.

Den Kandidaten selber drücken solche Sorgen nicht. Er bekennt sich stolz zu seiner griechischen Herkunft. Er benutzt sie nicht nur, um seinen Hintergrund zu glorifizieren – den Vater, der es als Einwanderer zum ersten griechischen Arzt in Boston brachte; die Mutter, die selbst mit 84 Jahren für ihren Sohn in die Wahlkampfarena steigt; sich selber, der es als Abkömmling von Neu-Amerikanern nach Harvard und ins Gouverneursamt schaffte. Seine Abstammung dient dem Wahlredner gleichzeitig dazu, die bei seinen Auftritten seltenen Emotionen zu schaffen. Das geschieht etwa, wenn er mit falschen Behauptungen anprangert, daß eine Flugzeugentführung von einem griechischen Flughafen große Entrüstung über die Laschheit der Südländer auslöste, ein ähnlicher Vorfall in Deutschland eine Woche später aber niemanden aufgeregt habe.