Der neue Verteidigungsminister Rupert Scholz geht einen schweren Gang

Von Theo Sommer

Ob jemand eine Fehlbesetzung ist, weiß man immer erst nach der Aufführung; das ist auf der Bonner Bühne nicht anders als sonst im Theater. Auch Rupert Scholz, der Überraschungskandidat des Bundeskanzlers für das Verteidigungsministerium, hat einen Anspruch darauf, erst einmal zeigen zu dürfen, was in ihm steckt, ehe sich voreilig die Daumen der Kritiker senken.

Freilich, der Rechtsprofessor aus Berlin wird viel zu lernen haben. Er tritt auf der Hardthöhe als ein von einschlägigen Vorkenntnissen unbelasteter Rekrut an; all seine acht Vorgänger hatten sich ihre Sporen schon im Parlament, im Bundeskabinett oder auch als strategische Denker verdient. Er hat als Berliner Justizsenator nur einen vergleichsweise winzigen Apparat geführt; jetzt soll er an die Spitze des größten Dienstleistungsbetriebes der Bundesrepublik mit seinen 500 000 Soldaten und 200 000 Zivilbediensteten. Er ist erst seit fünf Jahren CDU-Mitglied; nun muß er sich, ohne Verankerung in der Fraktion, in der Union für die Bundeswehr stark machen. Er kennt Bonn nur aus der Frühstücksdirektor-Perspektive eines Senators für Bundesangelegenheiten; hinfort erwarten die Streitkräfte von ihm den beherzten Zugriff auf Stoltenbergs Steuerkasse, und dies in voller Rivalität mit den vordrängenden Sozialpolitikern. Sein militärstrategischer Hintergrund beschränkt sich auf die gelegentliche Teilnahme an Forumsveranstaltungen der Hanns-Seidel-Stiftung; eine schüttere Grundlage für die große Strategiediskussion, die der Nato ins Haus steht.

Selbst unter normalen Umständen ginge Rupert Scholz einen schweren Gang. Der Bundesminister der Verteidigung ist von jeher ein Dreifachminister: Bundeswehrminister, Rüstungs- und Rüstungsfinanzierungsminister, Minister für internationale Sicherheitspolitik. Das überfordert auch starke Männer. Obendrein ist die Armee ein Organismus von höchster Erregbarkeit. Ständig gibt es irgendwelche Generalskrisen, Hauptmannsskandale und Leutnantsaffären, die an den Nerven des zivilen obersten Befehlshabers reißen und, oft genug, an seiner Autorität zehren. Ein "mörderisches Amt", hat der SPD-Verteidigungsexperte Horn das Bundesverteidigungsministerium genannt, "das keiner seiner Inhaber physisch und psychisch so verläßt, wie er es angetreten hat".

Der erste, Theodor Blank, scheiterte am Ehrgeiz seiner Aufstellungsziele und resignierte: "Die Führung der Verteidigungspolitik bedeutet für mich mehr als ein Martyrium." Franz Josef Strauß, dessen Aufbauleistung unbestritten ist, ging in der Spiegel-Krise von 1962 unter. Sein Nachfolger Kai-Uwe von Hassel hatte bei der Konsolidierung der jungen Streitkräfte nur begrenzten Erfolg und zerrieb sich in der Starfighter-Krise. Gerhard Schröder stieß als erster Verteidigungsminister auf finanzielle Grenzen; er mußte den Ausbau der Bundeswehr bei 460 000 Mann anhalten und verließ die Hardthöhe als kranker Mann. Helmut Schmidt brachte viele Reformen auf den Weg, doch ruinierte er dabei seine Gesundheit. Georg Leber verstrickte sich in eine Generalsaffäre nach der anderen und war am Ende verschlissen. Hans Apel führte das Amt lieblos, lustlos und erfolglos. Manfred Wörner geriet nach anderthalb kräftigen Anfangsjahren in den Strudel des Kießling-Skandals und war seitdem nur noch ein Schemen seiner selbst. Zwar blieb der Glanz seiner internationalen Reputation, die ihn jetzt ja auch auf den Posten des Nato-Generalsekretärs trug. In Wahrheit jedoch hinterläßt er seinem Nachfolger ein ungeordnetes Haus und einen Sack voller Probleme.

Eine tollkühne Wahl