Von Katharina Rutschky

In keiner Frauenzeitschrift fehlen die Tips und Tricks, durch deren Anwendung frau hartnäckig verschmutzten Kragen, unmodernen Blusen, plötzlichem Besuch und sogar feinem, dünnem und strapazierten Haar sich überlegen erweisen soll. Oder Hinweise darauf, wie sie aus Resten durch Aufputz mit (je nachdem) Petersilie, rosa Seidenpapier und Kerzenbeleuchtung etwas Neues gestalten kann, dem man die Herkunft kaum noch ansieht. Die Verpflichtung zu solcher Art Kunstgewerbe hat in den letzten Jahren nicht abgenommen, wie der Blick in die überquellenden Regale jedes Zeitungshändlers lehrt. Was muß da getrickst, gestickt, gebastelt und geschmückt werden von deutschen Frauenhänden, wenn auch nur ein Bruchteil der ganzen Anregungen in Wirklichkeit überführt werden sollte!

Die Frage, ob frau sich und die Welt nun wirklich ändern will oder ob sie nicht doch lieber auf dem vertrauten Terrain des Schmückens und Rückens, von kitschigen Träumen und zwecklosen Klagen gemütlich belebt, auch weiterhin agieren möchte, stellt sich mir wieder einmal bei der Lektüre von Sigrid Damms Buch über Cornelia Goethe. Nun also tritt, nach den vielen Bettinen und Karolinen, Goethes Schwester in den Dienst der guten Sache. Vollkommen richtig klassifiziert der Klappentext den Stil der Literaturwissenschaftlerin als eine Verbindung von "literaturhistorischer Dokumentation mit psychologischer Einfühlung und Phantasie". Solche Mischformen können viel leisten, sie können aber auch den Vorwand für prätentiöse Vagheit liefern wie im vorliegenden Fall.

Über Cornelia Goethe ist nicht viel bekannt, und nichts, was nicht schon Georg Witkowski 1903 (verändert 1924) bekannt gewesen und von ihm mit aller Sympathie und Anteilnahme beschrieben und dokumentiert worden wäre. Anfang des Jahrhunderts waren aus dem Nachlaß des Verlegers Salomon Hirzel Briefe und ein Tagebuch von Cornelia der Forschung zugänglich geworden, Anlaß genug, die "Seitenkapelle Cornelia" der Goethe-Kathedrale hinzuzufügen, wie Georg Witkowski andächtig schreibt.

Bis dahin kannte man die gut ein Jahr jüngere Schwester unseres Zentraldichters nur aus "Dichtung und Wahrheit" und nicht allzu ausführlichen Bemerkungen seiner Freunde. Cornelia wuchs in engster Gemeinschaft mit dem Bruder auf; ein anderer Bruder starb mit sieben 1759, als Goethe noch nicht zehn, Cornelia acht Jahre geworden war. Die enge Gemeinschaft dauerte, bis Johann Wolfgang als Jurastudent nach Leipzig ging. Er kehrte danach zwar noch für längere Zeit nach Frankfurt zurück, aber – wie man so schön sagt – der alte Schwung war hin, mußte hin sein.

Das war eine Frage des Überlebens: Die Zwillingsexistenz, die den Inzest streifte, mußte aufgegeben werden. Modern gesprochen, der Kampf um Identität unter solchen Bedingungen ist mörderisch, wie die großartige Reportage von Marjorie Wallace über die "Schweigsamen Zwillinge" neuerdings zeigt, wo zwei Mädchen aus der Unterklasse in England ihn mit- und gegeneinander ausfechten müssen. In ihrem Fall endet die Geschichte vorläufig mit dem unbegrenzten Aufenthalt beider in einer psychiatrischen Anstalt – Johann Wolfgang und Cornelia, allerdings keine echten Zwillinge und gegengeschlechtlich, haben mehr Glück. Johann Wolfgang wird, nun, eben Goethe, und Cornelia... Traurig ist die Geschichte dieses Mädchens in der Tat.

Sie bekommt, abweichend vom Zeitgeist, ihm vorgreifend, fast dieselbe Bildung, Schul- und Privatlehrerbildung wie ihr Bruder. Keine klassischen, dafür mehrere moderne Sprachen; Zeichen- und viel Musikunterricht; zum 18. Geburtstag erhält sie ein gutes und entsprechend teures Klavier; sie übt sich, ob mit oder ohne Begeisterung wissen wir nicht, in den feinen weiblichen Handarbeiten. Es scheint, als ob sie Mutter und Dienstboten bei der Hausarbeit nicht helfen mußte, wohl aber dem Vater bei Schreibarbeiten. Ihre Heirat mit Schlosser, einem älteren Freund des Bruders, ist eine Liebesheirat. Trotzdem wird die Ehe schnell sehr unglücklich, weil Cornelia die allzu tiefe Bindung an den Bruder nicht lösen kann. Oder sage ich es weniger geschmackvoll: die Sexualität war ihr ein Greuel, der sie sich nach der Geburt der ersten Tochter durch Flucht in die Krankheit, zumindest Bettlägerigkeit, so weit wie möglich entzog. Sie starb, erst 26 Jahre alt, an den Folgen der Geburt ihrer zweiten Tochter.