Natürlich läßt sich eine Kultur vorstellen,in welcher die Gene durch einwirksames Tabu vor jeglicher Manipulationgeschützt wären. Wissenschaft, Medizin und Landwirtschaft kämen nicht auf die Idee, das Tabu zu brechen und würden keinen Gedanken an einen „Bedarf“ nach gentechnischen Produkten verschwenden. Eine solche Kultur könnte durch Wohlstand, Frieden, wissenschaftlich-technischen Fortschritt und andere Merkmale ausgezeichnet sein, die wir für wünschenswert halten. Daß durch ein Gentechnik-Tabu die wissenschaftliche Neugier oder das freie Unternehmertum eingeschränkt sei, wäre in der so vorgestellten Kultur ganz einfach kein Thema.

Das wäre der Traumzustand, an welchen die Gegner der Gentechnik denken. Vorstellbar ist er, aber ist er auch realistisch? Ich bin nicht dagegen, daß sich Gegner der Gentechnik diesen Zustand intensiv vorstellen und für ihn auch kämpferisch eintreten. Aber ich sehe nicht, wie sie in den nächsten dreißig Jahren Erfolg haben können. Resonanz gibt es für ihre Position außer in den wenigen überlebenden traditionellen Kulturen nur in unserem Land, in Skandinavien, Holland und, stark abgeschwächt in den angelsächsischen Ländern. Für die romanischen und slawischen europäischen Länder und erst recht für die Regierungen sämtlicher Entwicklungsländer sind Biotechnik und Gentechnik längst zu einem Inbegriff des Fortschritts und speziell der Hoffnung geworden, die technologische Dominanz der hochentwickelten Industrieländer zu brechen.

In dieser Situation ist es nicht verwunderlich, daß sich Vertreter der deutschen, skandinavischen oder amerikanischen Industrie und Wissenschaft vehement gegen den moralischen Rigorismus im eigenen Land zur Wehr setzen: „Was hilft der Menschheit ein Gentechnik-Verzicht in unserem Land, oder ein lokales Moratorium bei der Freisetzung genmanipulierter Organismen, wenn praktisch alle anderen Länder fröhlich weitermachen und wir keinerlei völkerrechtliche Einflußmöglichkeit auf sie haben? Nur wenn wir vernünftige Kontrollen und Regelungen vorschlagen, die die Gentechik nicht unterbinden, können wir die vorwärtsdrängenden Länder zur Kooperation bewegen, und erst dadurch haben wir eine Chance, den Gefahren zu begegnen.“ Das ist ein starkes Argument. Ich muß es akzeptieren, wenn ich auf die Beherrschung der Gentechnik in den kommenden dreißig Jahren Einfluß nehmen will. Mögen andere versuchen, in eben dieser Zeit weltweit die Voraussetzungen dafür zu schaffen, daß sich die Menschheit eines Tages auf eine Weiterentwicklung ohne Genmanipulation einigt.

Lange Zeit war die Diskussion um die Gentechnik durch ein eigenartiges Schattenboxen gekennzeichnet. Die Gegner malten vielfach Gefahren an die Wand, welche die Befürworter leicht als nichtexistent oder beherrschbar bezeichnen konnten. Umgekehrt machten und machen die Befürworter häufig den Fehler, mit den ersten beruhigenden Befunden bereits eine weitergehende Harmlosigkeit der Gentechnik abgeleitet zu sehen.

Nach den ersten Meldungen über geglückte DNA-Chirurgie 1974 war die Welt alsbald voll von Schauergeschichten über menschheitsbedrohende Bakterien, die aus den Hexenküchen der Gentechniker entweichen könnten. Nichts davon ist eingetreten. Sicherheitstechnik, Arbeiten mit vital geschwächten Mutanten und das Selbstschutzinteresse der Wissenschaftler sorgten zuverlässig für praktisch unfallfreies Forschen.

Was aber folgt aus dem Nichteintritt der befürchteten Schäden? Objektiv folgt wenig. Die natürliche Umwelt und auch die durch jahrtausendelange Eingriffe des Menschen veränderte Umwelt ist einigermaßen robust gegen Erbgut aus dem Labor, welches nicht auf ökologische Durchsetzung in der Natur, sondern auf die Produktion extravaganter Biochemikalien getrimmt ist. Größere Chancen hatte da schon das Erbgut von aus anderen Kontinenten eingeschleppten Tier- und Pflanzenarten, die daselbst ihre Vermehrungsfähigkeit über viele Generationen bewiesen hatten. Aber erstens ist die ökologische Robustheit unserer Umwelt nicht unbegrenzt, wie beispielsweise das Ulmensterben (durch einen Pilz, der von Käfern verbreitet wird, – lange vor der Gentechnik) gezeigt hat, zweitens sind die wenigen bisherigen Freisetzungsexperimente natürlich mit der ausdrücklichen Absicht geplant worden, daß kein Schaden entsteht, und drittens ist ein Schluß von einzelnen gutgegangenen Experimenten auf eine dauerhafte Harmlosigkeit wissenschaftlich unzulässig.

Es hilft also nichts: Wenn man über die realen Gefahren sprechen und politische Schlußfolgerungen ziehen will, dann muß man sich sowohl theoretisch als auch experimentell mit dem Einzelfall auseinandersetzen. Pauschale Schlußfolgerungen sind unzuverlässig, gleichgültig, ob sie von Gegnern oder Befürwortern angeboten werden.