Maria als Schmerzensmutter" auf Dürers Bildtafel in der Münchner Pinakothek: mit dem aus Lust und Qual gemischten Blick, der den Figuren der Heilsgeschichte eigen ist, blickt die schöne, junge Mutter des Gottessohnes in die Höhe. "Maria als Schmerzensmutter" am 21. April 1988: der Blick ist der gleiche, aber ihr Gewand ist wie tränenüberströmt, die Rinnsale treten über den Rand der Tafel hinaus, die Sturzbäche des Leids scheinen das Bild auf eine erschreckende Weise zu komplettieren. Die dazugehörige Information allerdings spricht von Zerstörung: Hans-Joachim Bohlmann, seit seiner ersten Verhaftung 1977 bekannt als "Säureattentäter", hat den dreiteiligen "Paumgartner-Altar", die "Beweinung Christi" und "Maria als Schmerzensmutter" mit Salzsäure übergössen.

Herostrat war der erste, der auf die Idee kam, durch die Zerstörung eines Kunstwerks auf sich aufmerksam machen zu wollen; obwohl die Geschichte überliefert ist, daß die Epheser, deren Artemis-Tempel er 356 v. Chr. Geburt in Brand gesteckt hatte, ihn durch Totschweigen strafen und potentielle Nachfolgertaten verhindern wollten, hat einer aber doch über ihn berichtet und ihn so zum Stammvater aller Herostraten, aller Kunstzerstörer gemacht. Spätestens seit 1974 weiß Hans-Joachim Bohlmann, daß in unseren Tagen Öffentlichkeit aus dem Stand und umfassend herzustellen ist: Damals lud er das Fernsehen ein, eine Gehirnoperation, die ihn von lebenslangen Angstzuständen befreien sollte, live zu filmen. Seit Bohlmann im Jahr 1977 zum Haarmann der Kunstmörder wurde, sind über ihn Dutzende von Artikeln erschienen, und in der gerade passend zur neuen Tat publizierten Studie von Peter Moritz Pickshaus "Kunstzerstörer" (Rowohlt Verlag) ist ihm und seinem Fall ein umfangreiches Kapitel gewidmet.

Hans-Joachim Bohlmann, ein, wie es bei Pickshaus heißt, verhaltensoperierter Zwangsneurotiker und Serientäter, hat im Jahr 1977 ganze 23 Kunstwerke im Wert von 110 Millionen Mark zerstört. Darunter waren Klees "Goldener Fisch" in Hamburg; die Cranach-Portraits von Luther und Katharina von Bora sowie drei Bildnisse von Bartholomäus Bruyn in Hannover; Rubens’ "Erzherzog Albrecht von Österreich" in Düsseldorf; und schließlich, sein größter Schlag, zwei Rembrandts und drei weitere Holländer in der Gemäldegalerie Kassel. 1977 wurde er zu fünf Jahren Freiheitsentzug verurteilt. 1983 hörte man dann wieder von ihm: Anschläge auf eine Autobahnbaustelle.

Säure war (ist) die Waffe von Bohlmann. Ganz bewußt, so gab er zu Protokoll, habe er sie in das Gesicht der abgebildeten Personen gespritzt. Womit er auch das Tatmotiv nannte, das ihn mit dem Mann verbindet, der auf Michelangelos "Pietà" mit dem Hammer einschlug (1973) oder dem, der Rembrandts "Nachtwache" aufschlitzte (1975), ja selbst dem Studenten, der 1982 mit einer Stange auf Barnett Newmans "Wer hat Angst vor Rot, Gelb, Blau?" einschlug. Diese Täter, reale oder imaginäre Opfer komplizierter Lebensverhältnisse, meinen nicht den Künstler oder das Werk, das sie vernichten. Ihr Angriff gilt der Autorität, dem Gegenstand der Liebe und Verehrung, dem Unwiederbringlichen. Im Moment der Zerstörung ist der Täter so prominent, so mächtig wie das von ihm zerstörte Werk.

Wie schützen wir die Kunst vor dieser "Negativform der Kreativität" (so John Brealey, der Chefkonservator des New Yorker Metropolitan Museum)? Vor Jahren bedeutete die Verglasung eines Bildes noch, daß man sich davor zwar kämmen, aber kein Motiv erkennen konnte. Das ist heute nicht mehr so – mancher Besucher der Hamburger Kunsthalle merkt erst nach mehrmaligem Hinschauen, daß C. D. Friedrichs "Eismeer" verglast ist, glücklicherweise. Kunst im Glassarg – kann man dann nicht gleich Reproduktionen zeigen? Zur Aura der Kunst gehört auch ihre sinnliche Präsenz und damit ihre Verletzbarkeit, Sterblichkeit. Aber um diese Feststellung zu belegen, müssen nicht wieder und wieder Vernichtungstaten hingenommen werden, die nicht nur ein Kunstwerk, sondern auch ein Stück kulturelle Identität vernichten. Petra Kipphoff