In der Senioren-Union sieht Kanzler Helmut Kohl eine Bastion gegen den „Zeitgeist“

Von Rolf Zundel

Dem Geschäftsführer der CDU und dem Werbestrategen der Madison Avenue kommen, wenn sie über die Alten nachdenken, sehr ähnliche Bilder in den Sinn. Peter Radunski vom Adenauer-Haus spricht von einer „Goldader“, die amerikanischen Trendwitterer reden von einem neuen ergiebigen Markt, der ständig wächst. Und die Statistiken geben ihnen recht. Die Lebenserwartung ist dramatisch gestiegen: in der Bundesrepublik etwa 71 Jahre bei Männern und fast 78 Jahre bei Frauen, mehr als doppelt so viel wie vor einem Jahrhundert. Ein amerikanischer Wissenschaftler drückte es ziemlich drastisch so aus: „Früher gab es das Problem des Altseins kaum; die Leute starben vorher.“ Heute hat, wer in der Bundesrepublik 60 Jahre alt geworden ist, noch fast ein Viertel des Lebens vor sich.

Die Deutschen sind ein alterndes Volk. Schon jetzt gibt es in der Bundesrepublik 12,3 Millionen Menschen (21 Prozent der Bevölkerung), die älter als 60 Jahre sind; und ihr Anteil wird noch kräftig wachsen. Es wird nur noch eine Generation dauern, und jeder dritte Bundesbürger wird zu den „Alten“ gehören. Insbesondere die Rentenrechner seufzen unter der Alterslast.

Frischwärts ins Alter

Was dem einen Last ist, sehen die anderen als Kapital. Was die Heidelberger Professorin Ursula Lehr das „längst wissenschaftlich widerlegte Defizitmodell des Alterns“ nennt, jene Vorstellung nämlich, die vor allem Gebrechlichkeit und Leistungsminderung im Auge hat, beginnt zu verblassen. Die „jungen Alten“ kommen in den Blick – manchmal ein wenig sehr flott, zu munter dargestellt: die dynamischen Rentner, denen kein Reiseziel zu entlegen, keine Sportart zu schwierig ist, unternehmungslustig in den Betten, aktiv in den Seminaren der Universitäten. Manchmal sieht es fast so aus, als habe der Jugendkult die Generationen gewechselt. Wo viele Junge die Welt beseufzen, werden die Alten erst richtig munter.

Dies freilich ist nur die modisch-bunte Oberfläche eines tiefgehenden Wandels der Gesellschaft. Es läßt sich nicht bestreiten, daß es immer mehr Ältere gibt, die nicht mehr in die gewohnten Vorstellungen passen. Die Rede vom „wohlverdienten Ruhestand“ befriedigt sie nicht mehr. Sie „sind noch zu jung, um sich in Senioren-Nachmittagen verbasteln zu lassen; sie brauchen neue Aufgaben, neue Ziele, für die sich ihr Einsatz lohnt“ (Lehr). Es ist wohl wirklich an der Zeit, die sogenannte Altersgrenze auch nach oben flexibel zu machen. Wer gebraucht wird, findet das Alter nicht nur freundlicher, er hat auch größere Chancen, gesund und aktiv zu bleiben.