Berlin, Februar 1954, deutsch-österreichische Konferenz auf höchster Ebene; es geht um den jeweiligen Besitz im anderen Land. Adenauer: "So, österreichisches Eigentum in Deutschland? Wissen Sie, Herr Kreisky, wüßte ich, wo die Gebeine Hitlers zu finden sind, würde ich sie Ihnen liebend gern als österreichisches Eigentum zurückstellen." Der vom späteren österreichischen Bundeskanzler berichtete Ausspruch des ersten deutschen Bundeskanzlers zeugt vom Gift der kurzen, grauenhaften gemeinsamen staatlichen Geschichte, die allen Träumen von einem neuen "Anschluß" gründlich den Garaus gemacht hat.

Waldheim-Debatte und das widrige Jubiläum der "Heimholung ins Reich" – der 100. Geburtstag des Heimholers steht ja auch schon vor der Tür – haben bei uns einen gewissen Ätsch-Effekt ausgelöst, der verständlich, aber unangebracht ist. Daß wir so lange Alleinerbe der schweren Schuld gewesen sind, haben wir nicht zuletzt unserem Gefuchtel mit dem Alleinvertretungsanspruch zuzuschreiben; und daß nun auch Österreich, nach dem Krieg ausdrücklich von der Mitschuld an den Vebrechen Hitlerdeutschlands freigesprochen, von der Geschichte eingeholt wird, kann uns um kein Iota entlasten. Verantwortung ist nicht teilbar durch die Anzahl der Komplizen.

Die Lust an der nachbarlichen Verlegenheit sollte eher zu denken und Gelegenheit geben, die gegenseitigen Empfindlichkeiten aufzuarbeiten. Dabei ist der Blick durch die Brille des anderen besonders empfehlenswert:

Engelbert Washietl: Österreich und die Deutschen; Verlag Carl Ueberreuter, Wien 1987; 179 S., 28,– DM

Der Autor ist Österreicher – wieder eine Waldheim–Polemik oder –Apologie? Nein, das Thema wird nur gestreift. Der Autor ist Journalist – ein Buch in der üblichen Gazetten-Kurzatmigkeit? Im Gegenteil: Washietl informiert gründlich und dabei unterhaltend, seine Streifzüge durch die Geschichte haben nichts Museales, sondern bleiben auf der Höhe der Argumentation, und der geht es um die heutigen Fragen nach dem Sonderverhältnis zwischen den deutschen Ländern und Völkern.

Zum Aha-Erlebnis wird dabei für uns Hallstein-Doktrinäre, daß damit aus Wiener Sicht nicht etwa bloß die Beziehung zu Bonn und – schreckliche, aber nur bei uns verpönte Abbreviatur – BRD gemeint ist, sondern ebenso der Kontakt zu Berlin (Ost) und DDR. Zwar hatten die Österreicher nach 1945 manchen Startvorteil verglichen mit der Bundesrepublik schon durch besagten Freispruch, doch wuchs der deutsche Schatten nach Gründung der Bonner Republik sehr rasch und engte den politischen Spielraum ein. Die wirtschaftliche Abhängigkeit vom Wunderland am Rhein galt es, bei allen Unternehmungen zu berücksichtigen, und es wurde ohnehin schon ein schweres Stück Arbeit, die (West-) Deutschen mit den österreichischen Realitäten auszusöhnen.

So recht Abschied nehmen mochte mancher bei uns nicht von Volk und Reich ‚ nachdem man den "Führer" mit Hilfe der ganzen Welt losgeworden war. Im Zuge der Wiederaufrüstung Mitte der fünfziger Jahre keimten Revisionshoffnungen, die den Weg Österreichs in die Freiheit gefährdeten. Der Schlüssel zum Staatsvertrag nämlich lag in Moskau, wo Adenauers Westkurs mit tiefem Argwohn beobachtet wurde. Hätte man dort die Planspiele gekannt, die Washietl aus den nun freigegebenen Akten des AA 1953-55 zitiert, wer weiß, ob die Sowjets nicht noch im letzten Augenblick zum "Njet" gegriffen hätten: Für den Fall eines Kriegs zwischen den Machtblöcken sahen die Bundeswehr-Begründer als eines der ersten strategischen Ziele die Besetzung West-Österreichs. Entsprechend zögernd kamen die Bekenntnisse zur österreichischen Neutralität über die deutschen Lippen. Aus heutigem Abstand lesen sich die diplomatischen Verrenkungen höchst heiter.