Von Rolf Michaelis

Das darf doch nicht wahr sein: die Uraufführung einer deutschen Komödie von 1775/76 im Kulturhaus eines Pariser Vororts. Da kommt man, auf der langen Fahrt bis zur Endstation der Linie 13 der Pariser Metro in Asnieres-Gennevilliers, ins Träumen. Was wäre, wenn...

Wenn wir ein bißchen älter wären, so um die zweihundert Jahre, – hätten wir die Uraufführung des neuen Werkes von Jakob Michael Reinhold Lenz, "Die Freunde machen den Philosophen", zusammen mit Goethe 1776 im Hoftheater in Weimar erleben können? Eben war die Komödie des 1751 in Seßwegen, in Livland geborenen Pastorensohns im Verlag der Meyerschen Buchhandlung in Lemgo erschienen. Eben ist Lenz dem zwei Jahre älteren Studienfreund aus Straßburger Tagen, dem "Bruder" genannten Goethe, an den Hof des thüringischen Herzogs nachgereist. Doch schon will der nach Ministerehren strebende Dichter von den aufsässigen Jugendfreunden Lenz und Klinger nichts mehr wissen ("Ich hab über die beiden Kerls nichts Treffendes zu sagen").

So erleben wir die späte Premiere am 19. April 1988 in einer mit Hochhäusern, Einkaufszentren, Schnellstraßen zubetonierten, vor allem von Arabern und Vietnamesen bewohnten Vor- und Schlafstadt von Paris. (Kein Ruhmesblatt für das deutsche Theater...) Der Direktor des "Centre Dramatique National" in Gennevilliers, Bernard Sobel, inszeniert für sein interessiertes, recht junges, salopp gekleidetes und sehr internationales Publikum wieder einmal ein deutsches Stück. In der etwas verwirrenden Art, in der französische Intellektuelle manchmal mit Namen der Kultur jonglieren, erklärt Sobel den Lesern der Zeitung La Croix "Lenz – das ist Rimbaud plus Rousseau."

Noch ehe wir den Interview-Artikel zu Ende lesen können, stehen wir im Theater, das sich außen und innen zunächst wenig unterscheidet von dem kalt weißen Einkaufszentrum nebenan. Jetzt überrascht uns der Regie-Intendant auf dem Faltblatt von Programm mit weiteren Gedankensprüngen. Sobel hat 1985 im Berliner Schiller-Theater Lessings "Nathan", 1987 in Zürich Shakespeares "Lear" inszeniert und an seinem Theater Heiner Müller, Volker Braun, Christoph Hein und Brechts "Fatzer"-Fragment herausgebracht. Der mit Literatur und Theater Deutschlands vertraute Regisseur bringt seinen Zuschauern den Dramatiker des "Sturm und Drang" nahe (dessen "Hofmeister" er in Gennevilliers auch schon vorgestellt hat), indem er ihn als einen der Schöpfer des "modernen Menschen in seiner Einsamkeit" betrachtet und in eine Reihe stellt mit Büchner, Wedekind, Brecht, Heiner Müller, Christoph Hein, "Kafka und Robert Walser nicht zu vergessen".

Zum Glück hat Sobels klare, schlanke Inszenierung der fünf Akte – knappe zwei Stunden ohne Pause – dann nichts von dem Beziehungsüberfluß, den Sobel als sein eigener Dramaturg beschwört. Der Regisseur Sobel bescheidet sich damit, das kleine Stück bei der ersten szenischen Erprobung als eine der von Lenz geforderten, zu seiner Zeit in Deutschland wenig geschätzten Tragikomödien vorzustellen.

Nachdem die thematisch und formal kühnen Dramen "Der Hofmeister", "Der neue Menoza" und "Die Soldaten" den ersehnten Erfolg nicht gebracht hatten (erst 1863 traute sich ein Theater, "Die Soldaten", in einer Bearbeitung, auf die Bühne zu bringen), resignierte der sich auch auf der Szene als Aufklärer fühlende Lenz und schrieb in kurzer Zeit zwei Dramen im beliebten Stil des englischen Rührstücks: die Komödie vom Philosophen, die Lenz ursprünglich "Der Poet oder Wege zum Ehemann" nennen wollte, und die fünf Akte "Der Engländer – Eine dramatische Phantasei". In beiden Stücken drängt sich dem sechsundzwanzigjährigen Autor, der als Begleiter, als besserer Diener zweier adeliger Offiziere aus Ostpreußen in französischen Garnisonen lebte, das eigene Lebens- und Liebes-Problem auf: die Liebe eines jungen Mannes zu einer "höher gestellten" Dame. Der arme Lenz, der seinem Helden Strephon den eigenen Vornamen Reinhold gibt, schreibt durchaus ein Trostbüchlein für sich selber.