Herr Rolf S. wollte sein Auto waschen und Herr Franz-Josef U. ebenfalls. Wer hätte annehmen können, daß es darüber zu einem Gefecht kommen mußte, Mann gegen Mann? Manche Katastrophen sind vorhersehbar, andere nicht. In beiden Fällen finden sie dennoch statt. Ein erfahrener Strafrichter würde die Ursache hierfür im männlichen Trieb sehen. Der läßt sich nun einmal mit Vernunft und Einsicht nicht reglementieren, wie wir aus vielen Urteilsbegründungen wissen. Daß es zwischen Herrn Ronald R. und Herrn Ayatollah Ch. zu einem hitzigen Feuergefecht kommen mußte, war seit Wochen aus den Pressemeldungen zu entnehmen. Dennoch waren die Überraschung und der Schreck groß. Um wievieles länger schon aber währet der Krieg zwischen Mercedes und Opel, zwischen BMW und Porsche?

Was sich vor deutschen Amtsgerichten im Bereich "Verkehrsdelikte" tagtäglich abspielt, erinnert fatal an die politische Großwetterlage. Allerdings fehlt es dort an der Institution des Amtsrichters, vor dem Herrenfahrer, Rowdies, Asphaltcowboys und notorische Besserwisser am Steuer auf das handliche Format von Musterschülern zusammenschrumpfen. Mögen sie sich im Straßenverkehr, beflügelt von dem köstlichen Gefühl, selbstverständlich immer im Recht zu sein, in noch so ausgewählten Worten gegenseitig beleidigen oder – schlimmer noch – gar absichtlich anfahren, vor dem Amtsrichter nehmen sie Haltung und Sprache eines artigen Leisetreters an: "Nachdem ich mein Fahrzeug betankt hatte, wollte ich es zur Waschung in die Waschanlage führen, konnte mein Vorhaben aber nicht einleiten." Klingt das nicht äußerst korrekt?

Tatsächlich aber hatte sich die Szene, über die vergangene Woche vor einem Hamburger Gericht verhandelt wurde, etwa so abgespielt: "Sie dummer Mercedesfahrer!" hatte der Opelbesitzer geschimpft, weil sich der grüne 500er an ihm vorbei in die automatische Waschanlage gedrängt hatte. "Was wollen Sie eigentlich? Hauen Sie ab, Sie Schnösel", soll ganz im Ton des Herrenfahrers die Antwort gewesen sein. Alles weitere war von diesem Augenblick an eine Frage der Ehre. Und das bedeutet: es wurde kompliziert und gefährlich.

Herr Mercedes setzte die Waschanlage in Gang. Herr Opel drückte auf den Halteknopf für Notfälle. Herr Mercedes schupste Herrn Opel zur Seite und marschierte schnaufend zum Tankstellenhaus. "Hier, der Mann hindert mich an der Waschung", habe er "zu der, äh, der Kassendame" gesagt. Während er dann an seinem 500er die Waschung vornahm, sei er "in rüdester Weise verbal angegriffen worden". Herr Opel soll zu Herrn Mercedes gesagt haben: "Sie Arschloch." Der Amtsrichter wiederholte das Wort zweimal. In der trockenen Gerichtsstubenluft nahm es amtlichen Charakter an.

Wie weit gehen Männer, wenn sie gereizt, in ihrer Ehre gekränkt sind? Das ist auch in solchen Fällen eine Frage des Gleichgewichts. Hier standen sich Herrenfahrer und Mittelklasse gegenüber. Unausgewogen also. Da mußte noch was kommen. Der Opelfahrer stieg in seinen Wagen, ließ den Motor an und machte einen kleinen Satz und dann noch einen. Der Mercedesfahrer stand tapfer vor seinem Wagen und wurde am Oberbein vom Opel angestoßen. Herr Mercedes vor Gericht: "Ich brach zusammen, also, ich knickte um. Ein stechender Schmerz. Als sei die Sehne..., wie gebrochen." Und die Kassiererin hatte derweil auf den Monitor gestarrt und zu einer Kundin gesagt: "Das kann ja wohl nicht wahr sein." Aber so war es wohl gewesen. "Dann kam der Herr praktisch angehumpelt, und der Opel war inzwischen vom Platz gefahren."

Herr Opel sagte gar nichts mehr, jedenfalls vor Gericht, Auge in Auge mit dem Richter, der 8800 Mark Geldstrafe und 16 Monate Führerschein-Entzug für angemessen hielt. Und kein Wort über den Herrenfahrer, der mit seiner ganzen Art den armen Opel so gereizt hatte. Am Ende einer Katastrophe zählt eben nur, wie’s ausging und nicht wie’s anfing. Viola Roggenkamp