Von Christoph Bertram

Manche Ereignisse ragen noch nach langer Zeit wie Endmoränen aus der politischen Landschaft heraus. Vor zwei Wochen wurde in Genf vereinbart, daß die Rote Armee bis Mitte Februar 1989 Afghanistan verlassen wird – nach acht Jahren eines brutalen, grausamen und vergeblichen Krieges. Aber schon scheint es, als hätten die internationale Politik und die öffentliche Meinung die Meldung einfach abgeheftet. Die Aufmerksamkeit gilt allenfalls den andauernden Kämpfen im Lande – und kein Zweifel, sie werden noch lange anhalten.

Aber die Nachwirkungen des sowjetischen Einmarsches vor acht Jahren sind eines; die Entscheidung Moskaus, die über hunderttausend sowjetischen Soldaten endlich abzuziehen, ein anderes. Der Einmarsch war die Folge verbohrter sowjetischer Machtpolitik, deren Exponenten wähnten, mit ein paar Divisionen könnten sie ein im Volk nicht verankertes kommunistisches Regime dauerhaft etablieren – als gäbe es auf der Welt nur die Sowjetunion und ihr Sicherheitsglacis. Die Entscheidung zum Abzug jedoch könnte den bisher handfestesten Beweis dafür liefern, daß die Richtung der Moskauer Politik unter Michail Gorbatschow sich grundlegend geändert hat: weg von der russisch-bolschewistischen Tradition der Machtexpansion, hin zur Eingliederung in das internationale Konzert der Staaten.

Damals, kurz nach dem Eintreffen der ersten sowjetischen Luftlandeeinheiten in Kabul am 27. Dezember 1979, schien es, als falle die Tür hinter einer Ära ost-westlichen Ausgleichs mit kräftigem Knall ins Schloß. "Die Entspannung ist tot", hieß die Schlagzeile der Washington Post. Präsident Jimmy Carter erklärte: "Meine Einstellung zu den Russen hat sich in der letzten Woche grundlegend gewandelt" und verhängte eine Reihe von Straf- und Abwehrmaßnahmen: Getreidelieferungen an die Sowjetunion wurden, sehr zum Leidwesen der amerikanischen Farmer, eingestellt (ausgerechnet Reagan hat das Embargo wieder aufgehoben); der Ratifizierungsprozeß für den nur wenige Monate vorher zwischen Carter und dem sowjetischen Staats- und Parteichef Breschnjew unterzeichneten Abrüstungsvertrag Salt-II wurde angehalten; der Verteidigungshaushalt wurde kräftig erhöht. Amerikanische Athleten sagten die Teilnahme an den Olympischen Spielen in Moskau ab. Junge Amerikaner mußten sich, zum ersten Mal seit der Abschaffung der allgemeinen Wehrpflicht, wieder registrieren lassen,

Der amerikanischen Öffentlichkeit – nicht nur den Kommunistenfressern, sondern auch den liberalen Demokraten – lieferte Moskau in Afghanistan den Beweis für eine Tendenz, die schon längst mit wachsender Besorgnis vermerkt worden war: das Ausgreifen einer zunehmend selbstbewußten Sowjetunion in die Dritte Welt. Seit 1975, knapp drei Jahre nach dem ersten großen Abrüstungsabkommen über die Begrenzung strategischer Waffen zwischen den beiden Weltmächten und kurz nach der demütigenden Flucht amerikanischen Personals vom Dach der US-Vertretung in Saigon, hatten die Russen all jene bestätigt, die dem Reich der roten Zaren, wie schon dem ihrer Vorgänger, einen unbändigen Drang zur Machtexpansion anlasteten.

In der Tat war die Bilanz bedrückend. Die von Moskau gestützten Nordvietnamesen besetzten 1975 Südvietnam. In Angola, der einstigen portugiesischen Provinz, riß nach dem Offiziersputsch in Lissabon eine marxistische Gruppe die Macht an sich, unter kräftiger Beihilfe der Sowjetunion und Kubas. In Äthiopien errichteten Offiziere unter dem Obersten Mengistu 1977 ein kommunistisches Regime; wiederum boten Moskau und Havanna ihre Unterstützung. Im folgenden Jahr eroberten Kommunisten im Südjemen, am Ausgang des Roten Meers und nicht fern der internationalen Tanker-Routen, in einem Putsch die Regierungsgewalt. Im Januar 1979 fielen nordvietnamesische Truppen in Kambodscha ein – wieder mit offensichtlicher Billigung Moskaus.

In der Dritten Welt feierte die Moskauer Führung ihr Selbstbewußtsein. 1971, auf dem XXIV. Parteitag der KPdSU, hatte Außenminister Gromyko stolz erklärt: "Heute gibt es keine einzige nennenswerte Frage (der internationalen Politik), die ohne oder gegen die Sowjetunion entschieden werden kann." Fünf Jahre später, auf dem XXV. Parteitag, formulierte Parteichef Breschnjew: "Kein unparteiischer Beobachter kann leugnen, daß der Einfluß der sozialistischen Länder auf die Weltgeschichte immer stärker wird und immer tiefer geht." Der Übergang vom Kalten Krieg zur Entspannung sei "zu einem großen Teil mit den Veränderungen in der globalen Korrelation der Kräfte verbunden". Da war es kein Wunder, wenn Breschnjew und seine Gefolgsleute wenig Bedenken trugen, im Dezember 1979 sowjetische Truppen nach Kabul in Marsch zu setzen. Das Risiko des Eingreifens schien erträglich, das Risiko des Nichtstuns umso größer.