Mrs. Thatcher vertreibt die Ritter der Grafschaften

Es gab einmal eine Zeit in England, da setzte sich das konservative Regierungskabinett fast ausschließlich aus Angehörigen der Oberschicht zusammen. Abgesehen von dem einen oder anderen waschechten Industriekapitän waren konservative Minister Männer von erlesener Herkunft und privilegierter Erziehung, und viele verspürten eine – möglicherweise mit leisen Schuldgefühlen beladene – Verantwortung gegenüber ihren weniger gesegneten Zeitgenossen.

Nicht die geringste von Mrs. Thatchers Revolutionen war es, sich zahlreicher solcher Männer zu entledigen: Sir Ian Gilmours beispielsweise, Francis Pyms, des verstorbenen Lord Soames und James Priors. An deren Stelle zog die Premierministerin Sprößlinge aus jener unteren Mittelschicht heran, der sie selbst – Tochter eines Krämers aus Lincolnshire – entstammt. Von den gegenwärtig 21 Kabinettsmitgliedern kommt gut die Hälfte aus bescheidenen bis sehr bescheidenen Familienverhältnissen: ein nie dagewesener und kaum zur Kenntnis genommener Aufstieg der politischen Leistungsgesellschaft.

Wenn es in einer Demokratie erstrebenswert ist, daß das Kabinett die unterschiedlichen Gesellschaftsschichten der Wähler widerspiegelt, welche die Regierung bestimmt haben, dann war diese Entwicklung überfällig. Das natürliche Wählerreservoir der Konservativen hat sich seit dem sprunghaften Anstieg in der Zahl der Hausbesitzer, dem steigenden Wohlstand und der Bildungsreform der fünfziger Jahre stetig erweitert, während dasjenige der Sozialisten geschrumpft ist. Selbst vor dem Zweiten Weltkrieg war es nichts Ungewöhnliches, daß Angehörige der Arbeiterschicht, insbesondere Frauen, konservativ wählten – es hätte sonst nie eine konservative Regierung gegeben.

Nehmen wir etwa die Familie von Cecil Parkinson, dem 56jährigen Energieminister. Sein Vater war Streckenarbeiter bei der Bahn, wählte konservativ und war eine Institution im örtlichen Golfclub. Die Großmutter väterlicherseits, eine eindrucksvolle Persönlichkeit in seinem Heimatort Carnforth in Lancashire, war Vorsitzende des Ortsvereins der Konservativen. Der junge Cecil trat als erster seiner Familie der Labour Party bei. „Es war für alle ein großer Schock“, erinnert sich Cecil Parkinson in seinem Büro mit Blick auf die Themse. Der Grund für das familienfremde Engagement war der Idealismus der ersten Labourregierung nach dem Krieg, aber auch die unerschrockenen Kämpfe der Gewerkschaften um höhere Löhne. Selbst die Verstaatlichung, die heute so vielen verdächtig ist, hatte damals noch etwas Faszinierendes.

Cecil und seine Schwester waren die ersten in der Familie, die in den Genuß einer höheren Schulbildung kamen, in seinem Fall durch den Besuch der hervorragenden Royal Lancaster Grammar School. Im Emmanuel College von Cambridge entwickelte Parkinson eine Abscheu gegenüber den konservativen Studenten, deren Zuversicht, ihre Karriere zu machen, nur von ihrer Unterwürfigkeit gegenüber konservativen Ministern, die zu Besuch kamen, gezügelt wurde.

Allmählich gewann er jedoch die Uberzeugung, daß die Menschen, um die sich der Sozialismus besonders kümmerte, also Kranke, Alte und solche mit ungenügender Schulbildung, mit den Konservativen viel besser fuhren. 1959 wurde er in die Partei aufgenommen, kurz nachdem er seine Ausbildung zum Wirtschaftsprüfer abgeschlossen hatte. Er hatte Erfolg, Erst im Geschäft, dann auch in der Politik. Und so vertritt er heute die Ansicht: „In dem Maße, wie wir eine besser ausgebildete, vernunftbestimmte und erfolgreiche Gesellschaft werden, erreicht Labour mit ihren Ressentiment- und Neidpredigten eine immer kleinere Minderheit.“