Von Helga Hirsch

Nicht nur aus der DDR wollen viele Menschen "nach Westen" aufbrechen. Auch aus anderen osteuropäischen Staaten machen sich viele auf den Weg in die Bundesrepublik und nutzen dabei den Umstand, auf eine deutsche Abstammung verweisen zu können. Die Behörden hierzulande sind dem Ansturm kaum noch gewachsen. Nordrhein-Westfalen stellte Container auf, weil alle regulären Unterkünfte belegt waren; die Aufnahmelager Friedland und Nürnberg nehmen nur so viele Neuankömmlinge auf, wie sie am selben Tag entlassen können; die Ausgleichsämter erhalten Beamte aus anderen Dienststellen zur Verstärkung. Allein im letzten Jahr beantragten 76 000 Staatsbürger aus Osteuropa ihre Anerkennung als Aussiedler – gegenüber dem Vorjahr ein Anstieg um mehr als siebzig Prozent.

Was ist geschehen? In den siebziger Jahren bemühte sich die Bundesregierung in Osteuropa um eine Verbesserung der Ausreisemöglichkeiten für Menschen deutscher Herkunft. So traf Bonn mit der polnischen Regierung Ende 1975 eine Vereinbarung, wonach in den folgenden vier Jahren knapp 150 000 polnische Staatsbürger deutscher Volkszugehörigkeit in die Bundesrepublik ausreisen durften. Bis zum Frühjahr 1980 waren alle beantragten Fälle abgeschlossen, danach wurde wieder von Fall zu Fall entschieden.

Mit dem rumänischen Partei- und Staatschef Ceauşescu vereinbarte Bundeskanzler Helmut Schmidt 1978 eine Quotenregelung, nach der jährlich ungefähr 11 000 Rumäniendeutsche das Land verlassen konnten. Diese Regelung wurde 1983 um weitere fünf Jahre verlängert. Rumänien kassiert für jede Ausreisegenehmigung durchschnittlich achttausend Mark, Ceauşescus Beamte streichen noch einmal ungefähr die gleiche Summe an Schmiergeldern von den Betroffenen ein, so daß diese meist völlig verschuldet in der Bundesrepublik ankommen. Die größten Probleme gab es mit der Sowjetunion. Lange Zeit erteilte Moskau pro Jahr nicht einmal tausend Ausreisebewilligungen.

In der zweiten Hälfte der siebziger Jahre lag die Anzahl der Aussiedler aus Osteuropa relativ konstant zwischen 45 000 und 55 000. In den folgenden Jahren sank sie sogar auf knapp 37 000 ab. Erst 1987 kam es zu dem rapiden Anstieg: Aus der Sowjetunion kamen 14 000, aus Polen 47 000 Aussiedler. Und diese Angaben beziehen sich nur auf die Registrierungen in Friedland und Nürnberg. Vermutlich sind weitere 20 000 bis 25 000 Anträge direkt in den Bundesländern gestellt worden. Insgesamt dürften 1987 allein aus Polen bis zu 65 000 Aussiedler gekommen sein: ein Zehntel aller, die in der deutschen Botschaft in Warschau ein Visum erhalten hatten. Setzt sich diese Entwicklung fort, ist in diesem Jahr mit 100 000 Anträgen von polnischen Staatsbürgern zu rechnen, denn die Botschaft rechnet für 1988 mit knapp einer Million Visa. Das sei das Wundersame dieser Minderheit, meinte ein Spötter, sie vermehre sich, obwohl sie ununterbrochen auswandere.

Galgenhumor angesichts einer nahezu ausweglosen Situation. Die wachsende Zahl der Ausreisewilligen mit deutscher Abstammung hat so gut wie nichts mit einem wachsenden Interesse an deutscher Kultur zu tun, schon gar nicht mit einem besonderen Verbundenheitsgefühl mit den Westdeutschen. Auch herrscht nicht mehr jener unmittelbare Vertreibungsdruck, der den Bonner Gesetzgeber 1953 veranlaßte, Deutsche zu entschädigen, die nach dem von Hitler begonnenen Krieg vertrieben und um Hab und Gut gebracht worden waren. In den allermeisten Fällen liegen die Gründe für die Ausreise heute in der tiefen Unzufriedenheit mit den Verhältnissen in den sozialistischen Staaten und in dem Gefühl der Ohnmacht angesichts ihres politischen, ökonomischen und kulturellen Niedergangs. Selbst in Siebenbürgen, wo seit achthundert Jahren Deutsche leben, scheint der Druck des Regimes auf nationale Minderheiten nur einer von mehreren Gründen für den Weggang zu sein. "Es war kein Sinn da", schließt der in Siebenbürgen geborene Schriftsteller Richard Wagner seine Erzählung "Ausreiseantrag". "Es war schon lange kein Sinn mehr da. Bald wird’s wieder kalt. Und es kommt der nächste widerliche Winter, und es kommen die nächsten widerlichen Reden des Präsidenten, es kommt die nächste Not, es kommen die nächsten Wochen ohne Brot, die Abende ohne Strom, es kommt der nächste Medienmüll. Es war genug."

Es ist genug für Menschen, die nicht all ihre Phantasie, ihre Energie und Unternehmungslust schon in der Jugend abtöten wollen. Es ist genug für Menschen, die nicht zu dumpfem Gehorsam verurteilt und auf das Existenzminimum gedrückt werden wollen. Vor die Alternative gestellt, in erzwungener Selbstbeschränkung zu leben, zum politischen Vorkämpfer – und Märtyrer – zu werden oder ganz einfach die Heimat zu verlassen, fällt immer weniger Bürgern die Wahl schwer. "Wenn die Freiheit wäre und das Essen, würden sie nicht gehen", kommentierte ein Siebenbürger die Ausreise von Freunden.