Trotz großzügiger Förderung ausländischer Investoren – die Auswanderung bleibt für viele Iren die einzige Chance

Von Andreas Molitor

Was gibt es nicht alles für Irland-Klischees: strohgedeckte Farmerhütten, Bauern, die das Getreide noch mit der Hand dreschen, bitteres Guiness-Bier, nasse Regenmäntel, Fiedel und Folklore, Weihrauch und Torffeuer. Die pittoreske Szenerie torfbeheizter Farmhütten in abgelegenen Tälern mag Touristen auf der Suche nach unberührter Natur und urwüchsiger Lebensart begeistern – doch für die meisten Iren sieht die Wirklichkeit ganz anders aus: Von Folklore und Regenbögen wird niemand satt.

Auch vierzehn Jahre nach dem Beitritt zur Europäischen Gemeinschaft gehört Irland immer noch zu den ärmsten Staaten Europas. Bis zum EG-Eintritt Portugals war es das Land mit den wenigsten Fernsehern, den wenigsten Telephonen und dem niedrigsten Einkommen pro Kopf. Die "Grüne Insel" ist heute so gut wie pleite: Legt man die Staatsverschuldung auf die Bevölkerung um, steht jeder Ire mit gut 15 000 Mark in der Kreide. Allein der Schuldendienst verschlingt mehr als ein Fünftel der Staatsausgaben. Auch auf dem Arbeitsmarkt sieht es schlecht aus: Jeder fünfte erwerbsfähige Ire geht stempeln. Mit neunzehn Prozent Arbeitslosigkeit nimmt Irland im EG-Vergleich eine traurige Spitzenstellung ein.

Dabei sind Irlands Wirtschaftsplaner nicht untätig geblieben. Weil die rückständige Industrie die Lücken an Kapital und technischem Know-how aus eigener Kraft nicht schließen konnte, werden schon seit den sechziger Jahren ausländische Unternehmen ins Land geholt. Sie sollen Arbeitsplätze schaffen, die Abwanderung irischer Arbeitnehmer ins Ausland stoppen und die marode Wirtschaft in Schwung bringen. Ein Paket unternehmerfreundlicher Gastgeschenke soll Firmenchefs und Konzernherren aus den USA, Fernost und Westeuropa Investitionen in Irland schmackhaft machen. Eine gezielte Politik der Subventionen und Steuervergünstigungen hat aus der "Insel der Heiligen" mittlerweile ein Paradies für ausländische Unternehmer gemacht.

Verantwortlich für die Akquisitionsbemühungen ist die halbstaatliche Wirtschaftsförderungs-Gesellschaft Industrial Development Authority of Ireland (IDA) mit Hauptsitz in Dublin und Auslandsbüros in achtzehn Großstädten in aller Welt, darunter auch in München, Stuttgart, Köln und Hamburg. Die IDA ist vom irischen Staat mit einem Jahresetat von rund 600 Millionen Mark großzügig ausgestattet.

Der Statistik nach scheinen die irischen Wirtschaftsförderer erfolgreich zu sein: Zur Zeit produzieren 860 ausländische Unternehmen auf der Insel; sie beschäftigen zusammen rund 80 000 Arbeitskräfte. Glaubt man einer Studie der Allied Irish Bank, ist der Großteil der ausländischen Unternehmen rundum zufrieden. Von 120 befragten Führungskräften bezeichneten 47 Prozent die Ertragslage ihres Irland-Ablegers als "ziemlich profitabel", 21 Prozent sogar als "sehr profitabel". Zwei Drittel der befragten Unternehmen würden sich wieder für Irland entscheiden.