„Ein Ticket für zwei“ von John Hughes

Erster Klasse fliegen, ein Genuß. Ein Gläschen Champagner, einen Bissen Lachs und ein Lächeln von der Stewardess. Mal im Ernst: Glauben Sie sowas? Denken Sie wirklich, man hat das Flugzeug erfunden, um dem modernen Menschen das Reisen angenehmer zu machen? Neal Page (Steve Martin) hat das auch gedacht, wollte von New York nach Chicago und mit seiner Familie zu Thanksgiving einen Truthahn essen. Als jedoch sein Platz in der ersten Klasse vergeben war und sein mehr als beleibter Sitznachbar (John Candy) in der Touristenklasse zur Begrüßung die Schuhe auszog, um sich die feuchten Füße zu massieren, da dämmerte auch ihm langsam, daß er sich nicht würde wundern müssen, wenn das Flugzeug zufällig wegen eines Schneesturms nicht landen könnte. Kaum in Wichita, Kansas angekommen, war ihm auch klar, daß das noch lange nicht das Ende sein würde. Leider verschleiert der fade deutsche Titel, was das Original gleich klarstellt: „Planes, Trains and Automobiles“ ist ein Dokumentar- und Aufklärungsfilm. Die Abenteuer von Neal sind authentisch, die Vorkommnisse verbürgt. Flüge, Züge und Automobile, damit sind Tempo und Richtung vorgegeben: von einer Katastrophe in die nächste. John Hughes hat schon vorher wunderbar sentimentale Katastrophenfilme gedreht, über das Ende der Jugend: „Breakfast Club“ oder „Pretty in Pink“. Und auch diesmal ist er seinem Genre treu geblieben. Denn es ist doch wirklich kindisch anzunehmen, als Erwachsener wäre das Leben schöner, weil man sich Erster-Klasse-Tickets leisten kann. Michael Althen

„Die letzten Tage in Kenia“ von Michael Radford

Die letzten Tage in Kenia waren die ersten Tage des Zweiten Weltkrieges. In Europa begann das Morden, in Nairobi interessierte sich keiner dafür: Die britische Kolonie amüsierte sich lieber zu Tode. Die Parties waren dekadent, die Nasen voll von Kokain, und Ehebruch galt als harmloses Gesellschaftsspiel. Der Zeremonienmeister aller Ausschweifungen und Vorkoster aller Laster hieß Josslyn Hay, war der 22. Graf von Errol und der hungrigste Salonlöwe in ganz Afrika. Seine letzte Eroberung hieß Diana Broughton, war 27 Jahre jung, mit einem dreißig Jahre älteren Gentleman verheiratet – und das gefährlichste Biest von Kenia. Die Affäre erregte das halbe britische Kolonialreich und trieb den Ehemann in die Krise. Am 24. Januar wurde der Earl of Errol erschossen. Wer der Mörder war, ist bis heute ungewiß. Das klingt, als wäre es erfunden, und doch ist alles wahr. Der britische Journalist James Fox hat die Geschichte recherchiert, rekonstruiert und ein Buch darüber geschrieben. Der britische Regisseur Michael Radford hat dieses Buch gelesen, war fasziniert und beschloß sofort, darüber einen Film zu drehen. So hat er sich zwei Probleme aufgehalst. Das erste hat damit zu tun, daß ein Filmer sich erst die Druckerschwärze aus den Augen und aus dem Hirn wischen sollte, bevor er ein Buch in ein Kinostück verwandelt. Das zweite Problem wiegt noch schwerer: Historische Authentizität ist oft das Gegenteil von kinematographischer Wahrheit. An diesem Problem ist Radford gescheitert: Er erzählt brav nach, was einst in Kenia geschah – und übersieht dabei, daß auf der Leinwand mehr passieren muß als auf einer kleinen Buchseite. So verkleinert er den Salonlöwen zum Papiertiger und seine hitzige Liebe zum rhetorischen Akt. Es braucht keinen Revolver, den Earl of Errol zu erledigen. Dieser Mann hat sich längst an Sätzen verschluckt, er würgt an Wörtern und erstickt schließlich an Gänsefüßchen. Claudius Seidl

„Der Mann im Hintergrund“ von Ridley Scott

Der Brite Ridley Scott ist im Moment sicherlich einer der interessanteren Regisseure in Hollywood. Ein Magier des düsteren Blicks, der durch besondere Schauplätze und präzise Darsteller, durch stilisierende Beleuchtung und synkopische Rhythmen seine spannenden Thriller zaubert. In seinem neuen Film jedoch erzählt er zu exquisit seine Geschichte, zu nachdrücklich inszeniert er seine Bilder, und zu bedeutungsschwer montiert er die Musik. Das Flüchtige wird sinnträchtig, das Beiläufige metaphorisch. Darüber verliert man die unwahrscheinlich schönen Einzelheiten leicht aus den Augen. Wie auch die schönen Unwahrscheinlichkeiten der Dramaturgie.

Zwei Menschen in New York: die reiche, elegante Dame aus der 5th Avenue und der nette, etwas tumbe Bulle aus Queens. Mimi Rogers und Tom Berenger. Zwei Welten berühren und entzünden sich aneinander. Durch Zufall wird sie Zeugin eines Mordes. Durch Zufall wird er als ihr bodyguard ausgewählt. Durch Zufall hat er gerade Dienst, als sie sich einsam und depressiv fühlt. Durch Zufall wirft sie einen langen Blick, während er ihr in die Augen sieht. Den Sinn für das Zufällige praktiziert Scott wie eine Religion. Was dabei besonders berührt: Der Lebensstil als äußerlicher Ausdruck der Identität. Wie Berenger immer schüchterner wird, weil er sich in seinen Anzügen nicht länger wohlfühlt; und wie Mimi Rogers ihre luxuriösen Klamotten trägt, als sei sie in Seide geboren.