Mit den Fischen“, glaubt Hermann Johannesen, „ist es wie mir den Vögeln“. Jahrelang hätten an seinem Arbeitsplatz ein Rotkehlchen und ein Zaunkönig gebrütet, bis die Jagd auf Elstern verboten wurde – nun seien Zaunkönig und Rotkehlchen fort. Und weil es bei den Fischen genauso ist, widmet der Vorsitzende des Ritterhuder Angelsportvereins seine ganze Freizeit dem Kampf gegen die Brassen.

Brassen sind Weißfische, und glaubt man dem Sportangler, dann hätten sie in dem Flüßchen Hamme bei Ritterhude längst alle anderen Fische verdrängt – wenn sie nicht so konsequent dezimiert würden. Andere Angelvereine haben ähnliche Sorgen, und so fährt Johannesen jeden Sonntag bis zu 400 Kilometer weit, um irgendwo in Norddeutschland dabeizusein, wenn es den Brassen ans Leben geht. „Hegefischen“ nennt er diese Veranstaltungen, bei denen oft mehr als hundert Männer drei Stunden lang um die Wette angeln, bis nach Stück und Gewicht der Pokalsieger feststeht.

In den Kampf zwischen Mensch und Brasse hat sich in der vergangenen Woche ein Richter eingemischt – zugunsten der Fische. Wegen Tierquälerei verurteilte das Amtsgericht in Hamm zwei Veranstalter eines Angelwettbewerbes an der Lippe, bei dem die Fische nicht getötet, sondern lebend in engen Setzkeschern aufbewahrt – gehalten – wurden, ehe sie auf die Waage kamen. Den Tieren seien „lang anhaltende und erhebliche Leiden zugefügt worden“, urteilte das Gericht. Außerdem seien die verletzten Fische wahrscheinlich später an Entzündungen qualvoll verendet.

Vom Hältern hält Johannesen nichts, darum findet er das Urteil „auf der einen Seite ganz in Ordnung“. Andererseits sei überhaupt nicht erwiesen, daß Fische Schmerzen empfinden könnten. „Wenn der Fisch den Haken hier sitzen hat“ – Johannesen faßt sich an die Oberlippe – „dann spürt er davon nichts. Das ist alles verhornt.“ Zudem litten viele Fische als Folge von Umweltgiften an Geschwüren, „so daß sie froh sind, wenn wir sie da rausholen“.

Daß Fische beim Angeln Schmerz empfänden, kann sich auch der alte Mann nicht vorstellen, der schon morgens mit der Angel am Hammeufer sitzt. „Statt die Angler mies zu machen, sollen die mal was gegen die Versuche mit Hunden und Kaninchen machen und gegen die Universitäten, wo sie die Tiere quälen, und gegen die Parfümhersteller und gegen die Industrie, die das Wasser verschmutzt!“

Das findet auch der Angler, der am Nachmittag an derselben Stelle gleich mit drei Ruten im trüben Hammewasser fischt. „So hohe Herren können das nicht verstehen“, schimpft er, „daß das noch ein Hobby ist, das sich jeder leisten kann.“ Wenn er einen Fisch töte – „ich spreche mal ganz kraß vom Töten“ – dann leide der nicht. Woher er das wisse? Keine Antwort. Einer der Schwimmer zuckt: Am Haken hängt ein Kaulbarsch, ein Fischchen von höchstens 15 Zentimetern Länge. Mit einem Plastikgerät löst der Angler den Haken aus dem Maul des Barsches und pfeift vor sich hin, während er dem Tier erst einen schraubenzieherähnlichen Fischtöter auf den Kopf schlägt und dann eine Klinge zwischen seine Brustflossen stößt. „Das Angeln“, sagt er, „ist für mich der einzige Sport.“

Ein Sport? „Nein, wir sind keine Sportler“, bekennt Richard Korbjuhn, Vorsitzender des Bremer Sportfischer-Verbandes. Und was sich diese „zwei Sportsfreunde“ in Hamm 1986 bei der „Meisterschaft im sportlichen Fischen“ geleistet hatten, das fände auch er nicht gut. Fische zu hältern, ist im Bremer Landesverband verboten. Das sollte für alle 550 000 Vereinsfischer der Bundesrepublik gelten, meint Korbjuhn. Zu weiteren Konsequenzen sieht er keinen Anlaß.

Ohnehin ist die ganze Angelegenheit aus Sicht des Funktionärs ein Umweltproblem. Ursprünglich sollte eine Nerzfarm die Fische aus der Lippe bekommen, aber die Sache hatte einen Haken: der Fang war derart verseucht, daß die Pelztierzüchter verzichteten. Wäre die Beute weniger giftig gewesen, argumentiert Korbjuhn, hätte sich dafür auch ein Abnehmer gefunden. Also keine Wettkämpfe mehr an stark belasteten Gewässern? Der Sportfischer hat eine bessere Idee: „Man müßte die Fische sofort betäuben, töten und sie dann zu einer Sondermülldeponie bringen – wie andere chemische Abfälle.“