Von Anna Brenken

Es ist nicht zu fassen, wie flach dieses Land ist. Zuletzt läßt man die Ortsschilder Niebüll, Klanxbüll, Aventoft hinter sich, dann kann eigentlich nur noch das Ende der Welt kommen. Da taucht wie eine nordische Fata Morgana die rote Backsteinburg auf. Wir haben den Gral des deutschen Expressionismus erreicht. Auf der Warft Seebüll, kurz vor der dänischen Grenze, wird das Erbe Emil Noldes gehütet. Er war nicht weit von hier als Bauernsohn Emil Hansen im Dorf Nolde zur Welt gekommen, 1867.

Zweieinhalb Stunden hatte das Auto von Hamburg aus Kurs Nord/Nord-Ost gehalten. Eine unruhige Fahrt. Vor den Augen türmten sich dramatische Wolkengebirge am Nolde-Himmel. Die Ohren betäubte Heavy-Metal-Dröhnen von Radio Schleswig-Holstein. Frühlingshafte Jaucheschwaden kitzelten die Nase. Herz und Verstand waren beunruhigt durch eine dpa-Meldung vom 18. April: Der Tübinger Literaturprofessor Walter Jens verläßt unter Protest das Kuratorium der Nolde-Stiftung. In nachfolgenden Interviews war Jens mit drastischen Worten nicht sparsam gewesen. Er warf dem Direktor der Stiftung, Dr. Martin Urban, „ein Gehabe nach Gutsherren-Art“ vor und sprach von „skandalösen Editionen“ bei den Nolde-Schriften.

Der Kündigungsbrief war am 14. April in Tübingen geschrieben worden. In dem Eil- und Einschreiben wird von „erheblichem Schaden“, der „in meinen Augen unserer Stiftung und ihrem guten Namen zugefügt wurde“, gesprochen.

Skandal im Hause Nolde? Kunst in Gefahr? Ein neues Schurkenstück im Norden? Es ist alles etwas banaler und komplizierter.

Die Affäre hatte ein zehnminütiger Beitrag von Tilman Jens für die ARD-Kultursendung Titel, Thesen, Temperamente (TTT) am 7. Februar ins Rollen gebracht. Er ist der Sohn von Walter Jens. Die Sendung fand genau an dem Tag statt, an dem die große Nolde-Retrospektive im Württembergischen Kunstverein Stuttgart geschlossen wurde. Doch statt einer Hommage für den neben Ernst Ludwig Kirchner bedeutendsten deutschen Expressionisten gab es eine Attacke gegen den Leiter seiner Stiftung in Seebüll. Jens jun. hatte in der Ausstellung filmen wollen und nicht gedurft. Was er für Willkür und Selbstherrlichkeit des Mitveranstalters und Hauptleihgebers der Ausstellung, der Nolde-Stiftung in Seebüll, hielt, nannte ihr Leiter, Martin Urban, eine konservatorische Maßnahme. Vier Fernsehteams war die Genehmigung erteilt worden. Vier andere hatten das Nachsehen. Eben auch TTT.

Tilman Jens, aus der Ausstellung vertrieben, wurde an einem anderen Ort fündig: auf der Insel Föhr. Dort besitzt Martin Urban seit Anfang der siebziger Jahre eine Scheune. In einem wunderschönen Landstrich, in dem das Häuserbauen nicht erlaubt ist. Die Scheune ist aber zum Wohnen ausgebaut worden und wurde auch bewohnt. So wurde das Filetstück zum Filoustück. Einmal durch die Baubehörde, die eine Ausnahmegenehmigung mit der Auflage erteilte, daß in dem Haus Ausstellungen gezeigt werden müßten, und frohgemut mit einer Nolde-Dependance für die Insel liebäugelte, ohne den Vollzug zu prüfen; zum anderen durch den Bauherren, der als Privatmann den Rückenwind seines Amtes zu nutzen suchte und nie daran dachte, etwas auszustellen.