Von Hubert Winkels

Die Gesellschaft will wissen, woran sie ist mit ihren Irren und Aufsässigen, ihren Verwahrlosten und Ausgeklinkten. Sie definiert sich nicht nur übers Zentrum der Macht – Politik, Business, Stars –, sie definiert sich auch über ihre Ränder, sie mißt immer wieder ihre Grauzonen aus, die statistische Gegend, in der ihre Standards nicht mehr greifen, wo aus Gemeinsinn gemeingefährliche Dreistigkeit, wo aus politischer Müdigkeit politische Tätlichkeit wird, wo die vom Leistungszug Abgekoppelten herumstreunen. In der Praxis arbeiten dabei verschiedene Institutionen zusammen: Polizei, Sozialämter, Psychiatrien, Beratungsstellen; journalistische Reportagen, schöne Literatur, Filme. Die Medien machen das Ungeheure unseres Alltags allgemein zugänglich und anschaulich. Die Behörden begrenzen und verwalten es. Arbeitsteilung. "Ungeheurer Alltag" heißt das Buch der zweimaligen Egon-Erwin-Kisch-Preisträgerin Marie-Luise Scherer. Es versammelt 17 "Geschichten und Reportagen", die in loser Folge innerhalb der letzten 14 Jahre im Spiegel erschienen sind. Einige davon gelten inzwischen als Muster der Gattung, als erzählerische Glanzstücke. Was hat es mit dem guten Ruf der Geschichten auf sich? Zuerst einmal beschäftigen sie sich fast alle mit Menschen, die einen schlechten Ruf haben. Mit Hausbesetzern, Drogenabhängigen, Selbstmördern, mit verschrobenen Alten, zerrütteten Familien, gestrauchelten Jugendlichen. Eins fällt sofort wohltuend auf: Marie-Luise Scherer hat das Mitleid nicht locker sitzen. Ihr Blick ist meist ungerührt. Doch der ungerührte Blick ist keine Eigenschaft des Auges oder des Charakters, sondern eine literarische Technik. Dazu gehören die völlige Zurückhaltung der Erzählerin und der Verzicht auf jeden Kommentar. Es dominieren Faktendichte, minutiöse Beschreibungen und Details und die "O-Töne" des jeweiligen Milieus. Hat ein Milieu Töne? Im Fall Marie-Luise Scherers schon. Denn neben den Menschen reden bei ihr Mariginalien, Dinge, scheinbar Nebensächliches, die Ränder der Ereignisse. Auf diese Weise hat sie sich genau in die Mitte zwischen Polizeibericht und psychologischem Roman geschrieben. Mit der Kriminologie hat sie die genaue Spurensuche gemein, mit dem Roman den Sinn fürs Ganze einer Lebensgeschichte von der Wiege bis zur Bahre.

Das ist gut zu sehen am idealtypischen Text der Sammlung, "Der unheimliche Ort Berlin". Hier liegt die Leiche, das geheime Emblem der meisten Geschichten, offen da. Sechs Jahre lang hat die junge Näherin Ingrid Rogge aus dem oberschwäbischen Saulgau unentdeckt auf einem Kreuzberger Hinterhofspeicher gelegen, bis endlich Kriminaloberkommissar Müller aus Sigmaringen die alten Rogges aufsucht und fragt "Sind sie stark?". Die tote Ingrid Rogge muß sehr gestunken haben. Doch niemand hat etwas bemerkt. Dafür verbreitet sich der Gestank in der Geschichte selbst, Alles riecht nach Gewalt und Verwesung. Der Speicher, die Lederkommune eine Etage tiefer, die Waldemarstraße, Kreuzberg – das ganze Berlin schließlich lagert sich in Schichten um die Leiche. Marie-Luise Scherer sucht nicht die besonderen Spuren dieses Verbrechens, sie sucht die Spuren eines jeden möglichen Verbrechens. Das Problematische dabei: Die Technik der subtilen Beobachtung, der grellen Beleuchtung noch des Abseitigsten ist poetisch, die Indizienlogik des Textes ist kriminalistisch, die gewählte Gattung jedoch ist die Reportage. Die wirkungsvolle Mischung hat in diesem Fall etwas Denunziatorisches. Etwas Polizeimäßiges hat sie immer.

Nicht eine "Psychogramm-Technik", die "Akten-Menschen ins Leben zurückholt", wie Walter Jens in einer Laudatio auf Marie-Luise Scherer wähnt, macht ihre Texte besonders, genau im Gegenteil: der Verzicht auf "Psychogramme" zugunsten einer poetisch-kriminologen Beschreibung fällt auf. Sicher, es gibt auch andere Texte in der Sammlung, es gibt den höheren Gesellschaftsklatsch (über Schlöndorffs Proust-Verfilmung etwa) und das leichthändig gezeichnete Porträt (von Otto Schily z. B.). Allein, die starken, ganz eigenen Scherer-Geschichten sind poetisch-kriminologische Milieustudien. Was Wunder, wenn die poetische Kommissarin im Kreuzberger Kiez per Graffiti zur unerwünschten Person erklärt wird. Was Wunder andererseits, wenn eine ihrer Reportagen (eine ergreifende über die Familie eines Fixers) in nordrhein-westfälischen Schulen an Jugendliche verteilt wird.

  • Marie-Luise Scherer: "Ungeheurer All – tag". Geschichten und Reportagen. Rowohlt Verlag, Reinbek 1988; 226 S., 26,– DM