Das Anschauen von Frauen ist vielen Menschen beiderlei Geschlechts ein liebes Vergnügen, was bewirkt, daß Frauen meist doch recht anschaulich sind. Wenig Fett, meist gepflegt, zumindest gestylt. Vielleicht eine Vorsichtsmaßnahme?

Blicke können bekanntlich nicht töten, aber bekannt ist doch, was sie können: Blicke prüfen, vergleichen. Blicke preisen, verwerfen. Blicke können aufbauen und vernichten. Kein Blick, der das Angeschaute nicht so oft zum Objekt machen würde. Kein Blick ohne Urteil. Das Anschauungsobjekt Frau wird, durch den (Kamera-)Blick domestiziert und als Photo technisch tausendfach reproduziert, in den diversen Journalen alltäglich auf den Markt geworfen – dem Manne zur Lust, der Frau zum Vergleich. Wer ist die Schönste? Im ganzen Land wird das gefragt. Nicht ohne Grund setzte die Revolte der Frauen zum Bildersturm an: Ihr sollt euch nicht diese Bilder von uns Frauen machen!

Aber natürlich kommen auch Frauen nicht ohne Bilder aus, schon gar nicht ohne Bilder von Frauen. Sie brauchen sie als Vor-Bild, als Spiegel ihrer Wünsche, Heldinnen eben. So mußte neues Schauen gelernt werden – der solidarische Blick; doch auch, sich diesen Blicken zu stellen; Die aufrechte Pose. Was da gemeinst ist, dokumentiert in schöner Weise der eben erschienene Photoband von Bettina Flitner.

Siebzehn Frauen, bekannte Frauen, Heldinnen der Bewegung, haben sich der Kamera der jungen Photografin gstellt – nicht ohne die alte Angst, wie diese in ihrem Vorwort anmerkt, ob sie denn auch gefallen würden, doch trotzdem so: Ernste Gesichter meist. Nicht in Schale geworfen, nicht abgepudert, nicht aufgedonnert, nicht hingegossen. Kein zierliches, kein liebliches, kein großartiges, überhaupt gar kein Getue. Die Photos Ton Bettina Flitner zeigen die Frauen häufig dort, wo sie leben und arbeiten und zu den Personen wurden, die wir kennen. Pina Bausch vor der Probebühne, Margarete Mitscherlich hinter der Couch. Alice Schwarzer am Schreibtisch. Irmtraud Morgner mit schwerem Mantel. Elfriede Jelinek in der Villa in Wien, an der Seite ihrer Mutter. Simone de Beauvoir – es sind die letzten Bilder von ihr – inmitten dieser kleinen, mit vielen Erinnerungsstücken liebevoll dekorierten Wohnung am Montparnasse.

Nie drängt sich die Photographin Bettina Flitner voyeurhaft in die Szene, will nichts aufdecken, keinesfalls bloßstellen, vielmehr dies: Bloß hinstellen und mit Respekt abbilden. Das ist ihr gelungen. Susanne Mayer

Nicht als Frau geboren: Fotoportraits von Bettina Flitner. EMMA-Frauen-Verlag, Köln, 1988. 24,80 DM