Je weniger einer reisen kann, desto mehr plagt ihn das Fernweh. Auch Jakob Oberlin leidet darunter, obgleich weniger aus touristischen als aus ganz besonderen biographischen Gründen. Er setzt viel daran, um, von Leipzig aus, übers Meer nach Amerika zu kommen. Es wird ihm, zumindest dieses Mal, nicht gelingen. Ein Freund sieht das nüchtern: „Bevor nicht die möglichen Heimwege erprobt seien, habe die Entdeckung Amerikas ohnehin keine Bedeutung.“

Heimwege, die Gegenbewegung zum Reisen, spielen in Wolfgang Hegewalds Roman „Jakob Oberlin oder die Kunst der Heimat“ auf eine zeitlos-gültige Weise ebenfalls eine wichtige Rolle. Schon der ironisch doppeldeutige Titel weist dezent darauf hin, daß hier mit Heimat mehr angesprochen ist als eine Frage des Wohnorts. In Gesprächen, in Briefen, im Alltag wird die große Frage nach einem Leben, in dem man sich zu Hause fühlen kann, unprätentiös, verspielt und ernst zugleich, immer wieder neu gestellt.

Wolfgang Hegewald, der 1983 als unbekannter Autor in die Bundesrepublik übergesiedelt ist, hält auch in seinem dritten Buch die Fiktion in der Schwebe. Unter den gesetzten poetischen Vorzeichen verlieren weltliche Begrenzungen an Bedeutung, ein Gespräch mit den Toten wird möglich, Erinnerungen entpuppen sich als Erfindungen, Vorstellungen entwickeln die gleiche Realitätstüchtigkeit wie Dinge und Handlungen. Die Kontur einer anderen Lebensweise wird sichtbar.

Als Oberlin spürt, daß dies andere Leben in unerreichbare Ferne rückt, entscheidet er sich. Umgehend teilt er den Behörden seinen Entschluß mit, das Land, die DDR, verlassen zu wollen. Zwei Seiten später folgt zum ersten Mal ein Satz, der tiefe Ruhe ausstrahlt: „Dann begann Jakob Oberlin furchtlos sein Leben abzuwarten.“ Damit endet auch schon das Buch, nicht aber die Geschichte: der Romananfang schließt nahtlos an das Ende an.

Erst allmählich lassen sich die verschiedenen Schichten des Romans freilegen, kann das Ineinandergreifen von Thema und Schreibweise sowie deren ungewöhnliche Struktur erkannt werden. Die scheinbare Vertracktheit der Texte von Wolfgang Hegewald hat System.

Jakob Oberlin arbeitet als Gärtner auf einem Friedhof in Dresden, wo er Niklas Scheuner kennenlernt. Sie werden unzertrennliche Gesprächsfreunde, Oberlin zieht jedoch bald zum Theologiestudium nach Leipzig um. Während Scheuner eines Tages bei einer Beerdigung beiläufig ebenfalls in die Grube gerät, stellt Oberlin einen Ausreiseantrag und fährt mit den erforderlichen Papieren nach Hamburg: „Über die nomadische Existenz, die er seitdem führt, ist wenig Verbürgtes bekannt.“

Ein Spiel von Rede und Gegenrede wird hier inszeniert, das über Einzelerfahrungen hinausgehend die Struktur der Wirklichkeit in den Blick rückt. Der Autor greift dabei auf eine poetische Form zurück, die heute weitgehend in Vergessenheit geraten ist: das Gespräch. Er erfindet immer neue Geschichten, die die auftretenden Personen sich und uns erzählen. Unsicherheit, wie mit solchen Geschichten umzugehen sei, deren Erfahrungsfond zwar unzweideutig die „deutsch-deutschen Verhältnisse“ bilden, deren Aussagekraft diese aber souverän hinter sich läßt, mag mit dazu beitragen, daß die Resonanz auf diese unvergleichlichen Prosaarbeiten bis heute, trotz Literaturpreisen und Stipendien, für den 35 Jahre alten Autor eher schwach geblieben ist.