Von Esther Knorr-Anders

Vor langer Zeit erhielt der Aargau den Beinamen „Rüblikanton“. Kein Mensch weiß, warum. Weder essen die Aargauer dauernd Karotten, noch bauen sie das Gemüse flächendeckend an. Wohl aber verzehren sie heißhungrig die feuchtsüße Rüblitorte. Sie gilt als Leckerei.

Wer durch den Aargau fährt, erlebt eine mit Flüssen und Seen überzogene Wiesen- und Waldlandschaft. Buchstäblich jeder Pflasterstein, jedes Blatt am Baum, jede Kornähre sieht – obwohl kein Regentropfen fiel – wie frischgewaschen aus. Unverfälschte Kleinstädte, imposante Burgen, in Tälern versteckte Wasserschlösser ergänzen das Bild.

Die Bewohner der 1403,7 Quadratkilometer, die seit 1803 den heutigen Aargau bilden, wissen aber auch um die Geschichte rabiater Unterdrückurig durch oft wechselnde Herrschaftsverhältnisse. Abgesehen von den jeweils geltenden politischen Grenzen mußten die Aargauer darüber hinaus mit konfessionellen Trennlinien zurechtkommen. Das konnte nicht ohne Hader abgehen. Ein Vorurteil bezeichnet die Aargauer selbst heute noch als obrigkeitsängstlich, kleinmütig; freudlos. Mir hingegen erschienen sie mit hintergründigem Humor gerüstet und fraglos bereit, was gestern kaputtging, morgen wieder aufzubauen.

Im gesamten Aargau gibt es keine Großstadt. Eine Hauptstadt aber hat er: Aarau. Sie ist 700 Jahre alt. Gotische und barocke Bürgerhäuser mit sogenannten „schönen Giebeln“ beherrschen die Altstadt. Farbenprächtig aufgemalte Ornamente schmücken sie.

Wir sind durch die vier historischen Regionen des Aargaus unterwegs. Kreuz und quer fahren wir durch die Grafschaft Baden, das Freiamt, den Berner Aargau und das Fricktal. Zuerst zuckeln wir durch das unter Naturschutz stehende Reußtal. Es ist zehn Uhr morgens. Ein Sonnentag. Kilometer um Kilometer begleitet uns der Fluß. Bald leuchtet uns der flammendrote Turm des Städtchens Bremgarten entgegen. Wir überqueren die Reuß auf einer alten Holzbrücke. Zwischen Kornfeldern und Blumenwiesen, an Käsereien und Bauerngehöften vorbei fahren wir auf Muri, den Mittelpunkt des Freiamtes, zu. Muris Klosterkirche gehört zu den bedeutendsten Kulturdenkmälern der Schweiz. Fürstabt Placidius Zurlauben ließ 1695 anstelle einer romanischen Basilika diesen phantastischen Sakralbau in Form eines Oktogons errichten, auf dessen Kuppelspitze ein Engel tanzt. Aus vollen Wangen bläst er die Fanfare. Der Wind bauscht das Gewand, gibt des Himmelsboten Knie geradezu sittenwidrig frei.

Im Kircheninnern blenden den Besucher wahre Lichtbündel aus Weiß und Gold. Der Kirche fügt sich ein dreiarmiger Kreuzgang an. Zwei Dinge machen ihn ungewöhnlich. Erstens: Die Fenster haben Renaissance-Glasmalereien. Im West- und Südflügel funkeln die Wappen von Klöstern und Städten, weltlichen und geistlichen Herren; der Ostflügel zeigt die Standesscheiben von sieben eidgenössischen Orten. Zweitens: Der Kreuzgang birgt eine 1971 geschaffene Gruft, in der etwa 20 Mitglieder der Familie Habsburg, die nicht mehr in Österreich Wohnstatt haben, ihre letzte Ruhestätte finden werden. Daß sie den Aargau für die Grablege wählten, ist verständlich, denn hier liegt der Stammsitz der Dynastie. „Meine Damen, Sie haben das Auto falsch geparkt“, reißt uns eine Stimme aus dem Kreuzgangfrieden.