ZEIT: Vor sieben Monaten hat Schleswig-Holstein einen Landtag gewählt, vor sechs Monaten beging Uwe Barschel Selbstmord, jetzt steht das Land wieder in einem Wahlkampf. Geht es dabei vor allem um eine moralische Veranstaltung, um einen Akt demokratischer Läuterung, oder steht die politische Auseinandersetzung und die politische Abrechnung im Vordergrund?

Engholm: Es steht merkwürdigerweise, so muß man nach den Ereignissen der letzten Zeit sagen, ganz eindeutig die Auseinandersetzung um den richtigen Weg und die richtigen Ziele für Schleswig-Holstein im Vordergrund. Was man „moralische Veranstaltung“ nennen könnte, findet hier nicht statt, nicht auf meinen Versammlungen, nicht auf den Versammlungen der meisten, die mit mir streiten. Das soll nicht heißen, daß die Barschel-Affäre keine Rolle spielt, aber ich denke, die moralische Dimension ist auch von den meisten, die auf die gut besuchten Versammlungen kommen, verarbeitet worden.

ZEIT: Ist die Affäre in der Tat schon verarbeitet oder wird sie verdrängt?

Engholm: Sie ist nach meinem Eindruck verarbeitet. Von Verdrängung ist da keine Spur. Wenn Fragen zu diesem Komplex kommen, gehen sie in die Richtung: Wie kann künftig Ähnliches verhindert werden? Wie läßt sich Machtmißbrauch verhindern oder zumindest minimieren? Die Leute haben also begriffen, worum es ging. Sie wollen jetzt die Antwort darauf haben, wie es künftig anders gehen kann.

ZEIT: Beschäftigt Sie persönlich die Barschel-Affäre noch?

Engholm: Meine Familie und ich, wir haben uns monatelang mit der Frage auseinandergesetzt. Wir haben uns gesagt, hier trifft das alte Sprichwort zu: „Man schlägt den Sack und meint den Esel.“

Im Grunde ist der Versuch unternommen worden, die Sozialdemokratie zu enthaupten. Barschel und seine Helfer haben nicht mich persönlich treffen wollen, sondern die SPD, die sich Popularitätswerte und Kompetenzfortschritte erworben hatte wie nie zuvor in ihrer Geschichte im Land. Zum Hintergrund des wirklich schmutzigsten Wahlkampfes, den ich in zwanzig Jahren miterlebt habe, gehört, daß wir zu gut waren oder zu mächtig zu werden drohten. So betrachtet ist das Ganze also eigentlich eine Referenz an meine Partei und ihren Spitzenkandidaten gewesen.