Von Nina Grunenberg

Absolute Mehrheiten sind auch für die CDU rar geworden. Zwar ist Lothar Späth in Baden-Württemberg mit seiner absoluten Mehrheit, immerhin der Mandate, gerade noch einmal davongekommen – aber wo gibt es sie sonst noch? In Rheinland-Pfalz ist sie dahingeschmolzen, in Schleswig-Holstein wurde sie mit Uwe Barschel zu Grabe getragen. Aus dem vollen wirtschaften die Bürgerlichen nur noch in Bayern. Aber wird es dabei bleiben? Bayerns Uhren gehen anders, heißt es. Doch Anzeichen dafür, daß auch sie langsam auf politische Normalzeit umgestellt werden, tauchen seit einiger Zeit immer wieder auf.

Das Wahlergebnis der CSU bei der Bundestagswahl 1987 signalisierte zum ersten Mal, daß der Aufwärtstrend der Strauß-Partei Grenzen hat. Mit 55,1 Prozent lag sie über vier Prozentpunkte unter ihrem Ergebnis bei der Wende-Wahl 1983. Gegen die mageren 34,5 Prozent, die damals die CDU auf ihrem Territorium zustande brachte, war das in Bayern immer noch ein Rasten auf hohem Niveau. Aber wie fassungslos der große Vorsitzende darauf reagierte, blieb jedem im Gedächtnis, der ihn am Wahlabend auf dem Fernsehschirm erlebte. Zusammen hatten es CDU und CSU im Bundesdurchschnitt auf 44,3 Prozent gebracht.

Die Bayern feiern ihre Siege, ihre Niederlagen würden sie lieber mit Schweigen übergehen. Deshalb machte auch niemand großes Aufheben von den lokalen politischen Hagelschlägen, die die CSU Anfang März bei Bürgermeisterwahlen in 25 Städten und Gemeinden hinnehmen mußte. Zwar gewann sie zwölfmal, aber dreizehnmal gewann sie nicht. Besonders hart traf die Wahlkampfstrategen in der Münchner Parteizentrale, daß die CSU-Bewerber für den Bürgermeisterposten in Lindau, in Landsberg am Lech und in Vohenstrauß in der Oberpfalz nicht einmal in die Stichwahl kamen. Das hatte es noch nie gegeben: Sie landeten auf Platz drei. Auffällig war dabei, daß die CSU nicht an die SPD verlor. In Lindau siegte der Kandidat einer freien Wählervereinigung, der bis kurz vor der Wahl noch für die CSU im Stadtrat gesessen hatte und als besonders tüchtiger Mann galt. Seine Absicht, sich um das Amt des Oberbürgermeisters zu bewerben, war bei der örtlichen CSU auf taube Ohren gestoßen. Weil sie ihn nicht nominierte, sagte der Mann ihr ade, gründete eine Wählergemeinschaft, die im wesentlichen aus seiner Familie und seinen Freunden bestand, strickte sich seinen Wahlkampf selber und wurde gewählt.

Auch in Landsberg machte ein ehemaliges CSU-Mitglied, dem die Partei den Weg nach oben hatte verbauen wollen, als Parteiloser das Rennen. Der gerade als Unabhängiger wiedergewählte Bürgermeister von Vohenstrauß war sogar Kreisvorsitzender der CSU gewesen. Auch er gründete einen eigenen Wählerverein, nachdem ihn die eigenen Leute bei einer früheren Wahl übergangen hatten. Die Wähler wußten mit seiner Persönlichkeit sehr viel mehr anzufangen als seine alte Partei; und das ist ja durchaus im Sinne des bayerischen Kommunalwahlrechts. Anfang März konnte er sein Amt erfolgreich verteidigen.

Erwin Huber, der stellvertretende Generalsekretär der CSU und zugleich der neue Hofhund von Strauß – er ist derjenige, der in alle Mikrophone bellt, sobald seinem Herrn jemand zu nahe tritt –, weiß von dem Vohenstraußer Bürgermeister, daß er "innerlich weiter CSU geblieben" ist, aber was hilft es. Hubers Chef Gerold Tandler, als Generalsekretär der CSU und ihr Fraktionsvorsitzender im Bayerischen Landtag der Mann, der den Parteiapparat in der Hand hat, kann das alles noch nicht kritisch finden. "Im Gegenteil", sagt er, "das ist doch gesund. Das hält den Übermut in Grenzen. Das ganze Unglück ist doch nur, daß die SPD keine Opposition ist. Sonst brauchten wir sie uns doch nicht selber zu machen."

Die SPD hat von den Fehlern der CSU bisher so gut wie gar nicht profitieren können. Bei ihr sucht auch niemand die Ursache für das spürbare Unvermögen der CSU, auch weiterhin den Wählerzuwachs zu finden, an den sie seit 1969 gehöhnt ist. Als Reaktion auf das Wirken der sozial-liberalen Koalition in Bonn waren der CSU damals große Einbrüche in den fränkisch-protestantischen Raum gelungen, mitten in die Hochburgen und Sozialmilieus der SPD hinein. Dieser Prozeß setzte sich bis zur Landtagswahl 1986 fort. In jenen Jahren sei die konservative "Bastion Bayern" zu einer "geschlossenen Gesamthochburg der CSU" geworden, merkt dazu der Parteienforscher Alf Mintzel an. In Sachen CSU ist Mintzel die unangefochtene akademische Autorität. Sein Buch über die CSU – "Anatomie einer konservativen Partei" – avancierte inzwischen zum Klassiker. Für den Soziologieprofessor an der Regional-Universität Passau kündigen die Akzeptanzschwierigkeiten, die nun die CSU seit einiger Zeit erlebt, eine neue Phase in der gesellschaftlich-politischen Nachkriegsgeschichte Bayerns an.