Frankfurt

Nur mit Unbehagen tritt der Purser Ralf W. seinen Dienst an, wenn wieder einmal ein „Deportee“ auf der Passagierliste seines Fluges verzeichnet ist – vor allem, wenn dieser dann gewaltsam und in Handschellen an Bord gebracht wird. Der Chef des Kabinenpersonals kann von manchen „häßlichen Ereignissen“ auf Lufthansa-Flügen bei der Abschiebung von Ausländern berichten.

Als die Geschäftsführung der Lufthansa im Frühjahr 1984 ihre Purser anwies, die Papiere der Abgeschobenen zu verwahren, weil einige während des Fluges ihre Ausweise vernichteten, weigerte sich Ralf W. mit der Begründung: „Damit wäre ich praktisch gezwungen gewesen, diese Menschen bei den Grenzbeamten des Zielflughafens vorzuführen, ich hätte sie persönlich ausliefern müssen.“ Er fühlte sich als Hilfspolizist mißbraucht und ging gegen die Anweisung vor. Als er dazu ein Interview gab, rügte ihn die Geschäftsführung wegen Verletzung der Treuepflicht und Schädigung des Ansehens der Lufthansa und suspendierte ihn vorübergehend vom Dienst.

Aus der Bundesrepublik werden pro Jahr rund 8000 Ausländer abgeschoben, in der Regel per Flugzeug. Die meisten wehren sich nicht. In etwa zehn Prozent der Fälle, in denen man Störungen des Flugbetriebes befürchtet, werden die Abgeschobenen von Sicherheitspersonal, überwiegend Beamten des Bundesgrenzschutzes, begleitet.

Beim fliegenden Personal wächst das Unbehagen, am Transport dieser Menschen in eine ungewisse Zukunft mitzuwirken. Mit Unterstützung der ÖTV reichten deshalb jetzt fünf Angestellte der Lufthansa – eine symbolische Crew aus Flugkapitän, Co-Pilot, Purser Steward und Stewardess – eine Klage beim Frankfurter Arbeitsgericht ein. Sie wollen feststellen lassen, daß sie gegebenenfalls aus Gewissensgründen die Arbeit verweigern dürfen.

Bisher droht die Lufthansa bei Arbeitsverweigerung mit arbeitsrechtlichen Konsequenzen bis hin zur Kündigung. Es ist fraglich, ob es beim demnächst anstehenden Gütetermin zu einer Einigung kommt. Wenn die Lufthansa nicht einlenkt, wollen die fünf Angestellten prozessieren – zur Not bis zum Bundesarbeitsgericht.

Die Crew traf sich kürzlich zu einer Lagebesprechung im ÖTV-Büro des Frankfurter Flughafens. Die Klage ist ihnen wichtig, denn jeder von ihnen ist angesichts von Abgeschobenen schon in Gewissensnöte geraten. „Man beginnt die Verpflegung auszuteilen, und dann sitzt da zwischen Geschäftsleuten und Touristen ein Deportee, dem nackte Angst ins Gesicht geschrieben steht. Dem gebe ich dann vielleicht die Henkersmahlzeit“, sagt der Purser Günther Rohr.