Engen im Hegau

Von Kerstin Schweighöfer

Engen? Engen im Hegau? Und wo bitte liegt das? Im Landkreis Konstanz. So etwa 20 Kilometer vom Bodensee weg. Aha, in der Ecke also. – Mittlerweile tun sich die Engener nicht mehr ganz so schwer, wenn sie erklären müssen, wo sie herkommen. „Viele Leute sagen jetzt, Engen kenn’ ich, das ist schön“, erzählt Barbara, die an diesem Sonntagnachmittag mit ihren Freunden im Marktplatz-Cafe sitzt. Barbara ist in Engen geboren und aufgewachsen – und hat vor, auch zu bleiben: „Mir g’fällt’s hier, ich will nicht mehr unbedingt weg.“

Vor rund zehn Jahren war das noch ganz anders. Damals gefiel die Stadt auf dem Felsenhügel noch nicht einmal ihren Einwohnern, und wenn man Engen überhaupt kannte, dann in der Regel nur wegen des Ausfahrtsschildes an der Autobahn, die von Stuttgart durch die Vulkanlandschaft des Hegaus an den Bodensee führt. Die engen Gassen und Sträßchen waren nicht nur sonntags wie ausgestorben. Wenn es dennoch vorkam, daß sich jemand in den mittelalterlichen Stadtkern verirrte, dann hielt er sich vorsichtig in der Straßenmitte, um nicht von herabfallendem Putz oder von Ziegeln getroffen zu werden.

Die Engener hatten ihrer Stadt, die wie ein Wunder vom Zweiten Weltkrieg verschont geblieben war, den Rücken gekehrt und ihre Häuschen ins Grüne gebaut. So verfiel Engen zwar immer mehr, blieb aber andererseits auch von den Bausünden der Nachkriegszeit verschont.

Mittlerweile sind die Engener in ihre Stadt zurückgekehrt – mit Stolz. Wenn sie selbst jetzt in der Mitte der Straße gehen, dann, weil der gesamte Stadtkern verkehrsberuhigte Zone ist oder um einer Touristengruppe auszuweichen, die durch die Stadt geführt wird.

„Wir haben jetzt über 100 Führungen pro Jahr“, kann Markus Kretz, der junge Leiter des Kultur- und Fremdenverkehrsamts, nicht ohne Stolz berichten. „Die Leute kommen von überall her – aus Spanien, Brasilien, Japan, darunter viele Architekten und Gemeinderäte, die sich Anregungen und Ratschläge für eine Stadtsanierung holen wollen. Und dann kommen sie natürlich wegen unserer Brunnen. Es gibt sogar welche, die kommen nur wegen der Brunnen.“