Entgegen vielen Prognosen wird 1992 in der EG keine Fusionswelle beginnen

Von Hans Otto Eglau

Aus Paris, von einer Verwaltungsratssitzung des Glas-, Baustoff- und Verpackungskonzerns Saint-Gobain, kehrte Friedrich Wilhelm Christians sichtlich beeindruckt zurück. Die Franzosen, so wußte der scheidende Vorstandssprecher der Deutschen Bank zu berichten, blickten der für 1992 terminierten Vollendung des europäischen Binnenmarktes mit erheblich größeren Erwartungen entgegen als die Deutschen.

Christians’ französischer Bankiers-Kollege Antoine Jeancourt-Galignani, Chef der Pariser Banque Indosuez, proklamierte in Zeitungsanzeigen bereits nach dem Vorbild der eingeschworenen Wirtschaftsallmacht „Japan Inc.“ die Vision einer künftigen „Europe Inc.“. Vor allem unter dem Eindruck der spektakulären Übernahmeattacke des italienischen Konzernbastlers Carlo De Benedetti auf die belgische Industrie- und Finanzholding Société Generale de Belgique sehen viele bereits eine regelrechte Fusionswelle über die EG hinwegschwappen.

Selbst in der einigermaßen optimistischen Erwartung, daß die zwölf EG-Mitglieder in einem epochalen Gewaltakt die noch bestehenden nichttarifären Handelshemmnisse in den nächsten vier Jahren aus dem Wege räumen sollten, erscheint diese Prognose gewagt. Aller Erfahrung nach wächst die Neigung der meisten Unternehmen zu grenzüberschreitenden Engagements nämlich eher mit dem Grad protektionistischer Marktabschottung. Ohne die amerikanischen Einfuhrbeschränkungen gegen japanische Autos auf der Basis „freiwilliger“ Vereinbarungen mit Tokio hätten Toyota, Nissan, Honda und Mitsubishi Motors sich wohl kaum mit eigenen Werken in den Vereinigten Staaten etabliert. Ohne die ständige Sorge, mit ihren Fernsehern, Stereoanlagen und Videorecordern eines Tages vom europäischen Markt ferngehalten zu werden, hätten die fernöstlichen Konzerne der Unterhaltungselektronik in der EG sicherlich kaum Firmen übernommen und eigene Produktionen aufgezogen. Wäre Siemens wohl bereit gewesen, Millionen und politische Fürsprecher für den Kauf der renditeschwachen Pariser Telephonbaufirma Compagnie Generale Constructions Telephoniques (CGCT) zu mobilisieren, hätte es als Ausländer Zugang zum französischen Fernmeldegeschäft gehabt? Wohl kaum. Daß – ganz nebenbei – die Industriepolitiker von der Seine den sanierungsbedürftigen, gerade entstaatlichten Hoflieferanten nicht Siemens überlassen wollten, sondern mit der schwedischen Ericsson-Gruppe einem Interessenten aus der EFTA-Region den Vorzug gaben, zeigt, daß es mit der Bereitschaft zur Öffnung regulierter Märkte gegenüber EG-Wettbewerbern längst noch nicht überall zum besten steht.

Wie schwer es selbst für international erfahrene Großkonzerne ist, innerhalb der Zwölfergemeinschaft selbst nur auf einem Teilgebiet zusammenzugehen, mußten erst vor wenigen Monaten Philips und der britische Elektrokonzern General Electric erfahren. Nach der öffentlich angekündigten Zusammenlegung ihrer Medizintechnik mußten beide Konzerne im Herbst ziemlich kleinlaut das Scheitern ihrer Fusionsverhandlungen eingestehen. Der Grund: unlösbare Bewertungsprobleme.

Dabei ist gerade Philips ein Beispiel dafür, daß sich zumindest die Großen der Industrie längst auf den Markt der 320 Millionen Verbraucher eingestellt haben. Schon seit Mitte der siebziger Jahre