Henry Vollam Morton reiste Ende der zwanziger Jahre nach Irland. Es war sein erster Aufenthalt auf der Insel. Der Engländer hatte sich gut vorbereitet und alle Klischees gelernt, die es über Irland und die Iren damals schon gab und die heute alle mehr oder weniger noch zutreffen. Seine Reiseberichte packte Henry Morton in ein vergnügliches Buch, das den Titel „In search of Ireland“ bekam. Damit reihte er sich ein in die lange, farbenfrohe Reihe jener, die sich auf die Suche nach Irland begaben und, dort angekommen, versuchten, Killarney zu beschreiben – womit das Stichwort gefallen ist.

Die „Kirche am Schlehenbusch“ – Cill Airne im Gälischen – liegt in der Grafschaft Kerry im Südwesten der irischen Republik. Irlandfahrern braucht man Killarney nicht vorzustellen. Wer nicht selbst dort war, hat wenigstens davon gehört: Im Winter hat Killarney 8000 Einwohner, im Sommer sind es 20 000. Killarney ist das Mecka des Tourismus in Irland.

Auch Henry Morton hatte von Killarney gehört. Seiner Wegbeschreibung nach kam er von Kenmare im Süden über die Nationalstraße 71, die sich größer anhört, als sie ist. Nackte Felsen im moorigen Hügelland, bergan, rauhes Gras vom Wind zerzaust, bergab, bergan – das hatte Herr Morton hinter sich, als er Windy Gap erreichte. Da holte er tief Luft: „Mit atemberaubender Plötzlichkeit wird man mit einem der schönsten Blicke in ganz Europa konfrontiert und ganz ohne Vorwarnung... zu Füßen ein irdisches Paradies – die drei blauen Seen von Killarney.“ Wer argwöhnt, Morton habe bei seiner Abreise das sprichwörtliche englische Understatement zu Hause gelassen, sollte es selbst nachprüfen. Die Muckross Road führt von Killarney aus am Tore Waterfall vorbei, bergan, an Seen vorbei, durch Wälder und über steile Haarnadelkurven (Vorsicht! Fahrradfahrer kommen mitten auf der Straße entgegen) zum Ladies’ View, so heißt der Aussichtspunkt, an dem Morton der Übertreibung freizusprechen ist.

„Gäbe es in England das Königreich von Kerry“, so Morton weiter, „dann würde man eine Art Riviera daraus machen, selbstverständlich gut daran verdienen und das Paradies zerstören.“ Killarney in den Bergen aber sei weit entfernt von jeder Großstadt, auf immer einsam und von Frieden erfüllt. Wenn Henry Morton nur gewußt hätte...

Bei Regen und Sonnenschein drängeln sich die Gäste durch High Street und Plunkett Street, Main Street und New Street, wo sich Pubs und Souvenirläden die Waage halten. Die Augen der Hotelmanager und Geschäftsinhaber leuchten, wenn die Türen der Reisebusse aufgehen und viele Amerikaner und Amerikanerinnen aussteigen. Zuvorkommende Menschen sind freundlich darauf bedacht, ihnen und den Holländern, den Franzosen und den Engländern, den Deutschen, den Italienern und den Leuten aus Dublin das Geldausgeben leicht zu machen. Es läßt sich in Killarney verdienen, selbstverständlich. Das wissen die Bootsleute, Ponybesitzer und Kutscher schon lange. Nahe beim Golfplatz an den Ufern des Lough Leane, des unteren und größten der „drei blauen Seen von Killarney“, steht die Fabrikhalle eines deutschen Unternehmers, den in den fünfziger Jahren mehr die Steuerversprechen der irischen Regierung als die Schönheiten der Landschaft angelockt haben. Obwohl er letztere zu nutzen wußte. Er baute zwei Hotels, beide mit Kongreßräumen, Reitstall, Schwimmbad, Boutiquen. Außerdem kaufte er ein Herrenhaus in den Bergen, 18 Meilen von Killarney entfernt, und machte auch daraus ein feines Hotel. Das größte seiner Häuser, 200 Betten, liegt unmittelbar am unteren See. Durch den Park führt ein Steinpfad hinunter zu einem Bootssteg. Ein paar Meter weiter links putten Golfspieler die Bälle näher ans Loch.

Henry Morton indes ritt auf dem Rücken eines, wie er fand, zynischen Ponys durchs Gap of Dunloe. Ein japanischer Professor, der Gälisch mit Tokioter Zungenschlag sprach, und jede Menge amerikanischer Touristen begleiteten ihn. Am Eingang der Schlucht steht heute noch Kate Kearneys „Cottage“, Tankstelle, Kneipe und Souvenirladen in einem. Ringsum warten die Nachfahren von Henry Mortons Pony ein bißchen gelangweilt. Ihre Vermieter springen aus dem Schatten unter den Kiefern auf die schmale Straße vor heranrollende Autos und deuten mit langen Gerten auf ihr Angebot. Der Ponyritt gehört für die Besucher von Killarney zum Pflichtprogramm, ebenso wie der Ausflug auf den Hügel von Aghadoe oder die Kutschfahrt im zweirädrigen jaunting car nach Muckross House, in dem ein Museum über das Leben in Kerry untergebracht ist. Schließlich gehört auch eine Bootsfahrt dazu. Henry Morton ließ sich noch rudern. Ein irischer Unternehmer setzt heute ein Ausflugsschiff ein, das denen auf Rhein, Seine und Themse sehr ähnlich sieht.

Die Zeit ist nicht stehengeblieben in Killarney. Durch die Türen und Fenster der Pubs dringt Musik heraus auf die noch regennassen, nächtlichen Straßen. In den Hotels treten regelmäßig die Berühmtheiten der nationalen Folkmusik auf. Nach der Polizeistunde um halb zwölf Uhr geht die Musik weiter in den Diskotheken der Nachtclubs mit Lizenzen bis halb zwei. Ginge Henry Morton heute durch die Straßen von Killarney, er zückte einen Bleistift und schriebe auf seinen Notizblock: „Streiche ‚auf immer einsam und von Frieden erfüllt‘.“ Marcus Lehnen