Köln: „Glas der Cäsaren“

Wie in unserer Epoche der Jahrhundertausstellungen dieser Topos Gültigkeit beweist! Wann werden die zeitwiderstehenden, fragilen Zeugnisse vom Kunstschaffen im römischen Kaiserreich (100 v.Chr. bis 500 n.Chr.), gefunden in Rußland, in der Sahara und verteilt auf die Museen der Welt, je wieder beieinander stehen? In dunkler Schatzhöhle verleihen Punktstrahler über Vitrinen mit spiegelfreien Scheiben den gläsernen Inkunabeln kristallenen Lüster- und Juwelenkolorit. Nicht alle blendend schön, manche nur „barock“, überladen, etwas windschief, hier und da verrät sich die schwere Hand, das ungenaue Auge, der tastende Versuch in der von den Syrern übernommenen Technik. Glasblasen, Schliff, Gießen und Schneiden, Polieren, Überfangen und Färben, Anbringung von plastischem Dekor – erst spätere Jahrhunderte erreichten hierin Perfektion. „Das Menschenleben in seiner Kürze ist zerbrechlicher als Glas. Sind wir nicht verletzlicher, als wenn wir gläsern wären?“ So dachte Augustinus, große Fragilität schien ihm Garant für Schutz über viele Jahre. Die haptische Unmittelbarkeit all dieser funkelnden, goldirisierenden, wäßrig-grünen oder purpurnen Schalen, Pokale, Tauben als Parfümbehälter, Tropfgefäße in Form von Paradehelmen, Facettenkrüge und Gladiatorenbecher, 162 an der Zahl, läßt für Augenblicke vergessen, daß seit den Tagen ihrer Benutzung Weltreiche zerfielen und sich neu formierten, eine abendländische Religion die alten Zivilisationen zusammenschmolz. Historie, ablesbar an Prunktellern und bizarren Scherben. Alttestamentarische Zitate, Fragmente mit biblischen Szenen, griechische Segenssprüche, jüdische Symbole; weinkelternde weiße Eroten auf der tiefblauen Amphora aus Neapel und immer wieder der dionysische Mytherikreis mit dem Rächergott, den Lykurgos blendend. Die ganze antike Götterwelt, oft drollig kurzbeinig, en miniature ‚ wie es gerade die Gefäßbauchung zuließ. Den Ariadnetafeln, in Pompeji verschüttet, standen die gedrungenen ländlichen Schönen Modell; die berühmte Portlandvase, mit Asche gefüllt anno 1697 bei Rom gefunden, erlaubt den Halbbekleideten auf dem Kameofries elegantere Proportionen; luxuriöser Müßiggang unterm Zeichen des amor volat undique . Welche Fülle von Motiven und Formen! Mosaik, Millefiori in fast modernistisch anmutendem Dekor, ein idealisiertes, walnußgroßes blaues Augustusköpfchen, Diatretgläser wie in Häkelarbeit und daneben das wahrhaft imperiale Prunkstück der Schau, auf das sich Napoleons begehrliche Hand legte, der „Kameo Carpegna“, eine Art Tischaltar in klassizistischem Rahmen – „Bacchus in dem Schoosse der Ariadna liegend, nebst zween Faunen und einem Tiger“, wie Winckelmann die Tafel beschrieb. Eros auch als kulturschaffende Kraft: In mehrjähriger Zusammenarbeit gelangen dem Kölner Haus, dem British Museum (wo die Präsentation begann) und dem Corning Museum im Staate New York unter der Sponsorenschaft von Olivetti das glanzvolle Glasperlenspiel – Wissenschaft im Dienste der Schaulust. (Römisch-Germanisches Museum bis zum 28. August; Katalog 48 Mark, Kurzführer 4 Mark)

Ursula Voß