Der Historiker Ernst Nolte hat abermals seine These verteidigt, das Archipel Gulag sei „ursprünglicher“ als Auschwitz. Er hat zur Verteidigung dieser seiner hartnäckig wiederholten These den Geist der Wissenschaft selber in Anspruch genommen, dessen Forderung nämlich, „ein Phänomen soweit wie möglich verstehbar zu machen“. (Ich beziehe mich auf einen Vortrag mit dem Titel „Der ‚Historikerstreit‘ und die Freiheit der Wissenschaft“, der jüngst in der Zeitschrift „Freiheit der Wissenschaft“ abgedruckt wurde.) Ich will jetzt nicht von neuem seine These erörtern, auch nicht die logische Sonderbarkeit seines Begriffes vom „Ursprünglichen“ und „Ursprünglicheren“ beleuchten – der offenbar aus Heideggers Sprache stammt und dem gewiß nicht diejenige rationale Eindeutigkeit eigen ist, welche ein Verfechter reiner Wissenschaftlichkeit anstreben sollte. Vielmehr möchte ich darauf aufmerksam machen, daß die ehrwürdige Lehre vom Verstehen an massive Wände stößt, ja daß der Umkreis der historischen Phänomene, die „verstehbar“ sind oder gemacht werden können, sehr viel enger gezogen ist, als der auf die „Geistesgeschichte“ eingeschworene Gelehrte annimmt.

Die wahnsinnige Untat, die mit dem Namen „Auschwitz“ bezeichnet wird, läßt sich in Wahrheit gar nicht verstehen, sie läßt sich nur berichten. Auch wenn nachgewiesen würde, daß der Plan zur „Endlösung der Judenfrage“ in Hitlers Gehirn als eine Art Antwort auf frühere („ursprünglichere“) Untaten des Bolschewismus ausgeheckt worden wäre, so würde das die wirkliche Ausführung, nämlich den tatsächlichen fabrikmäßigen Massenmord, nicht um einen Deut verstehbarer machen. Allenfalls würde ein neues Licht auf die Kolportage-Phantasie des handelnden Verbrechers fallen, und wenn man diese trübe Sphäre für einen Gegenstand der Geistesgeschichte ansehen will, so würde von solcher Erkenntnis vielleicht die Geistesgeschichte einen kleinen Gewinn haben. Aber die Tat und Untat selbst ist kein Gegenstand der Geistesgeschichte. Auch besteht der Vorgang „Auschwitz“ nicht allein aus der Untat der methodischen Menschenvertilgung, sondern zugleich aus dem millionenfachen unhörbaren Schrei der unschuldigen Opfer, und auch daran ist nichts zu „verstehen“, da dieser Schrei ja gar nicht hat laut werden können.

Es scheint mir ganz vergeblich, ja von Grund auf verfehlt, sich um ein Verständnis von Auschwitz zu bemühen. Verstehen läßt sich das Verständige – und wäre es etwa die technische Verbesserung der Kapazität der Gaskammern von Auschwitz im Vergleich zu denen von Treblinka, deren sich der Lagerkommandant Höß gerühmt hat. Wer aber den Zweck dieser Vorrichtung, wer die Ausführung dieses Planes als solche verstehen wollte, der müßte darüber den Verstand verlieren. Und wer den Verstand nicht zu verlieren imstande ist, der hat dieses Phänomen „Auschwitz“ noch gar nicht eigentlich wahrgenommen. (Ich weiß, das ist ein Paradox, aber anders läßt es sich nicht ausdrücken.)

Wenn wahrhaftig die Absicht des Verstehens den Sinn von Wissenschaft ausmachte, so müßte man den Schluß ziehen, daß zur Erkenntnis des Phänomens „Auschwitz“ die Wissenschaft untauglich sei.

Dolf Starnberger

Erschienen in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 6. April 1988