Von Andreas Kilb

Die Fische mit den riesigen, aufgerissenen Mäulern und den toten Augen seien bei Ausschachtungsarbeiten für die Metro entdeckt worden, erzählt das Mädchen. Sie hätten, bevor sie ins Aquarium kamen, in lichtlosen Tiefen unter der Erde von Paris gelebt, seit unvordenklicher Zeit. Das ist eine Lüge, aber sie ist schön und deshalb wahr.

In einer Metro-Station, mitten auf einem Rollband, zitiert ein Mann Verse von Charles Baudelaire: „Und ich, ich trank, versessen wie ein Snob, in ihrem Auge, dem flüssigen Himmel, darin der Wirbelsturm keimt, die Süße, die betört, die Lust, die tötet.“ Und auf einem Nachttisch in einer schmutzigen Absteige liegt eine Ausgabe der „Fleurs du Mal“, mittendrin aufgeschlagen, man liest den Titel des Gedichts: „A une Passante“. Die ganze Stadt ist von Poesie infiziert. Das ist gelogen, aber es stimmt.

Nina Grosses „Gläserner Himmel“, könnte man sagen, ist nicht halb so künstlich wie „Subway“ von Luc Besson und nicht halb so realistisch wie die Filme von Eric Rohmer, und mit Julio Cortázars Erzählung „El otro cielo“ hat der Film nicht einmal den Titel gemein. Das ist richtig, aber auf eine Weise, die schon wieder falsch ist.

Die Frau, die gerade vorüberging, in der Station der Metro oder unter den Fenstern der Absteige oder auf den Treppen vor Juliens Wohnung, ist wahrscheinlich die gleiche Frau wie die, von der Julien geträumt hat. Die Frau mit den goldenen Armreifen über den Handschuhen aus schwarzer Seide wurde in Juliens Traum von einem fremden Mann erwürgt, vor den Glasscheiben des Aquariums, in dem die Löffelstöre vom Mississippi mit aufgerissenen Mäulern ihre Kreise ziehen. Aber die tote Frau kehrt wieder, Julien folgt ihr, und es ist, als müßte alles noch einmal geschehen, die tödliche Lust und die Süße des Verbrechens, in einer verborgenen Stadt in der Stadt, unter einem Himmel aus Glas.

„Zum Beispiel die Galerie Vivienne oder die Passage des Panoramas, mit ihren Verzweigungen, ihren Segmenten, die in einem Antiquariat oder in einer Reiseagentur enden konnten, in der vermutlich noch nie jemand eine Eisenbahnfahrkarte gekauft hatte; eine Welt, die sich für einen näher gelegenen Himmel entschieden hat, mit schmutzigen Scheiben und mit Stuck, mit allegorischen Figuren, die ihre Hände ausstrecken, um eine Girlande anzubieten.“

Oder die Passage du Grand Cerf, in der Nina Grosse gerade noch drehen durfte, bevor die Behörden den Ort für vier Jahre schlossen, um alles zu renovieren – zerkratzter Marmor, blinde Ladenfenster, Nischen, Aufgänge, die zerbröckeln; und die Glasdächer darüber, trübe wie ein Regenhimmel in der Nacht. Ein Extérieur als Interieur, Wo Innen und Außen sich vermischen; wo sich die klassische Antithese von Tagfilm und Nachtfilm auflöst in Übergänge, Passagen, Phantasien: dort spielt „Der gläserne Himmel“.