Von Dietrich Gaede

Seit Wochen beschäftigt der Aufstand in den von Israel besetzten Gebieten die Medien, fast täglich werden Bilder der Auseinandersetzungen via Fernsehen frei Haus geliefert. Doch die alltäglichen Ängste und Hoffnungen der betroffenen Menschen sind eher Randerscheinungen dieser Berichterstattung – für ein tieferes Verständnis der Situation braucht man mehr Zeit zum Hinschauen und Nachdenken.

Georg Steins Photoband über „die Palästinenser“ erlaubt es, in Ruhe hinzusehen, in den Gesichtern zu lesen, Posen von ungestellten Haltungen zu unterscheiden und unbequeme Fragen zuzulassen, die nicht einfach beantwortet werden können. Der Bauer aus Ramallah (Westbank), der wie betäubt am Stamm seines abgesägten Olivenbaums lehnt, die Frau im Lager Ein el Hilweh (Südlibanon), aufgenommen vor den Trümmern des Hauses ihrer Familie und die Ausweiskontrolle zweier Palästinenser durch eine israelische Militärstreife im Gazastreifen sind eindrucksvolle Beispiele einer Photographie, die ohne Sensationslust scharf beobachtet.

Fast 140 Aufnahmen enthält dieser Band, abgesetzt auf schwarzem Grund, viersprachig kommentiert; selten werden „Unterdrückung und Widerstand eines entrechteten Volkes“ so ästhetisch anspruchsvoll präsentiert.

Der Blick auf das Geschehen wird nicht durch technische Mängel verstellt, jedoch bewußt gelenkt: Ganze Bevölkerungsteile und -schichten des palästinensischen Volkes kommen gar nicht vor: jene Palästinenser, die Haifa und Jaffa nie verlassen haben und seitdem in Israel leben, die wohlhabenden Familien auf der Westbank und im Gazastreifen – sie müssen keineswegs in Flüchtlingslagern ausharren, sondern haben als betonierte Antworten auf die jüdischen Siedlungen in den besetzten Gebieten große Häuser auf ihre Grundstücke gesetzt –, die Studenten von Bir Zeit und Nablus oder die palästinensischen Abgeordneten im jordanischen und israelischen Parlament.

Muß ihre Existenz peinlich verschwiegen werden, weil ihre Lebensumstände nicht in unser Bild von den unterdrückten Massen passen? Warum ist es nötig, eine so vielschichtige Gesellschaft wie die der Palästinenser so reduziert zu betrachten, daß ausschließlich die gedemütigten Opfer ins Blickfeld geraten? Haben die Geschlagenen unsere Solidarität nur dann verdient, wenn es allen schlechtgeht?

Entsprechend gleichen einige Bildkommentare eher Rückzügen ins geschlossene Weltbild als differenzierenden Ergänzungen: Es ist unredlich, den ehemaligen Bürgermeister von Nablus (Bassam Shakaa) korrekt als Opfer jüdischer Extremisten darzustellen, aber dann drei Seiten vorher das Begräbnis seines Nachfolgers al Masri als „Massendemonstration in Nablus“ zu bezeichnen, ohne zu erwähnen, daß dieser Mann, als Kollaborateur denunziert, von Palästinensern ermordet wurde solche bitteren Wahrheiten sollten der Leserschaft zuzumuten sein.