Von Otto Ulrich

Die Entwicklung gab ihm recht – der Computerhandel an der Börse hing irgendwie mit drin. Nach dem Börsensturz am „Schwarzen Montag“ im Herbst letzten Jahres, fühlte sich John Fisher, ein Veteran der alten Schule an der Wall Street, bestätigt, aber ohne Schadenfreude. Da nun das Kind im Brunnen lag, würde keiner jener gedrillten Finanzhechte aus den business-Schulen kommen und sagen, Mr. Fisher, Sie hatten recht, tatsächlich sind es heute die Computer, die an der Börse die Einsätze bestimmen. Wir haben uns selber zu Knopfdrückern – buy or sell – degradiert. Der Automatismus der Maschine hat das Regiment übernommen.

Damals hatte Fisher gewarnt, an den Crash von 1929 erinnert, über den „Sensibilitätsverlust“ für wirtschaftliche Katastrophen und politische Folgen geklagt, auf die nur vorgegaukelte Sicherheit ausgeklügelter Computerprogramme hingewiesen, daran erinnert, daß es noch stets das von der Erfahrung geschulte Fingerspitzengefühl war, das den Trend erspüren konnte; er hatte an das berufliche Ethos appelliert, nichts über Bord zu werfen von den gesammelten Erfahrungen, man solle sich am Lebendigen und nicht an der künstlichen Welt des Rechners orientieren.

Umsonst, in den Augen dieser Finanzingenieure gehörte er zum alten Eisen. Er hatte damals resigniert, gegen diesen naturwissenschaftlich geschulten Sachverstand kam er als alter Hase nicht an. Die Neuen dachten in mathematischen Zusammenhängen, sie sprachen in abstrakten Größen. Es ging um Konstanten, Variable und Funktionen. Die neuen Herren – Fisher ahnte, daß sie gar nicht anders konnten – spielten gläubig ihre Computermodelle durch, verliebten sich in die amputierte Wirklichkeit ihrer simulierten Welt und verwechselten diese toten Abbilder mehr und mehr mit dem realen Geschehen an der Börse. Es wurde für sie fast zu einer Sucht, per Knopfdruck in das Börsengeschehen einzugreifen oder angeblich exakt in die Zukunft zu schauen. Der computergestützte Programmhandel wurde zum Spielzeug, der gesamte Aktienmarkt zum Spielkasino. Die Einsätze wurden größer, die Abschlüsse schneller, die aufgeblähten Indexwerte stiegen höher und höher – bis alles kippte. Keiner konnte aus dem System aussteigen, der Computer diktierte den Abstieg. Bevor es zum Absturz ins Bodenlose kam, wurden die Stecker herausgezogen, also den Computern in den Banken und Maklerbüros der Zugang zum Börsenrechner gesperrt.

Das war es erstmal. Aber was folgt daraus? Zumindest das eine: in dem Maße, wie überall computergestützte Simulationen, also eingebildete Abziehbilder der Wirklichkeit an Bedeutung gewinnen und Entscheidungen zunehmend bestimmen, kann es täglich zu neuen „Abstürzen“ kommen. Nicht nur an der Börse.

Es fing mit viel Enthusiasmus an, damals Anfang der sechziger Jahre, als „gar der Fortschritt in Wissenschaft und Technik mit dem Fortschritt in der Computersimulation gleichgesetzt“ wurde. Wer möchte heute – mit welchen Argumenten – verhindern, daß die Wissenschaft stets das modernste Spielzeug will und auch bekommt? Und unbestritten ist ja längst, daß der Einsatz des Computers nicht nur dazu zwingt, die Aussagen über den jeweiligen Forschungsstand zu präzisieren, sondern auch die Zusammenschau von Teiltheorien zu einem bestimmten Gegenstand gestattet und sich zur Darstellung komplexer Zusammenhänge bestens eignet.

Aber die Technik will mehr: Die „Verwissenschaftlichung der Politik“ steht auf der Tagesordnung. Die politische Nachfrage nach „gesichertem Wissen“ über die Voraussetzungen und Wirkungsweisen staatlicher Aktivitäten will bedient werden. Wissenschaftlich vorsortiertes Wissen soll den beamteten Machern helfen, die Realität besser zu ordnen. Und da kommt der Computer gerade richtig. Warum soll es nicht möglich sein, mit diesen datenschleudernden Zauberkisten die Politik „besser“ zu machen? Wir hören es doch immer wieder: Die Politik muß rationaler, überschaubarer, aber auch menschlicher werden. Eine moderne Sehnsucht, gewiß. Doch so, wie es aussieht, wird die Erfüllung vor allem in der Orientierung an der toten Logik modernster Technik gesucht.