In Wall Street, jenem Hollywood-Melodram über Geld und Gier in den Finanzkathedralen rings um New Yorks Weltbörse, spielt sich folgende Szene ab: Als der Aktienhändler Bud Fox und seine fast noch jugendlichen Kollegen mal wieder so richtig loslegen und davon träumen, ein großes Rad zu drehen und möglichst viele schnelle Dollar zu machen, da warnt sie ein alter Hase. Sie sollten auf die fundamentalen Daten der Unternehmen schauen, deren Aktien sie kaufen. Was interessiert die Jungdynamiker, ob die Firma gut ist, ob deren Produkte am Markt zu verkaufen sind, ob Bilanz und Gewinn stimmen, für sie ist das nur ein Spekulationsobjekt, um ans große Geld zu kommen. Für den Alten, längst verdrängt aus dem Geschäft, haben sie nur Hohn und Spott, bestenfalls ein mildes Lächeln übrig. Er ist ein Relikt aus vergangenen Zeiten.

So muß sich auch Rilwanu Lukman vorkommen, Opec-Präsident und Nigerias Ölminister, wenn er öffentlich einen „fairen Preis“ für den Rohstoff verlangt und die Verbraucher darauf hinweist, sie sollten die fundamentalen Daten des Marktes beachten. Was ist ein fairer Preis im Geschäft, das ethische Kategorien selten berücksichtigt? Sind es achtzehn Dollar pro Barrel, wie die Opec-Gemeinschaft der Ölproduzenten im letzten Dezember beschloß, die sie aber nur selten bekam, weil der Stoff gegenwärtig überreichlich angeboten wird? Was sind die fundamentalen Daten des Marktes? Vor ein paar Jahren noch bestimmten die „Ölscheichs“, wie die Opec-Minister nicht selten hilflos herablassend tituliert wurden, das ganz allein. Doch nun können sie wieder nur mitmachen nach Regeln, die andere – auch mit spekulativen Motiven – bestimmen.

Wenn er eine für Dienstag terminierte Pressekonferenz auf Mittwoch verschiebe, mokierte sich Opec-Chef Lukman noch im März über die chaotischen Reaktionen des Marktes, dann sackten die Ölpreise gleich um einen halben Dollar. Mit anderen Worten: Sie richten sich nicht nach den tatsächlich angebotenen und nachgefragten, Mengen, sondern nach den – richtigen oder falschen – Vermutungen von Käufern und Verkäufern über künftige Knappheiten. Das ist auch kein Wunder, werden doch erhebliche Mengen auf Termin gehandelt, also Tage oder Wochen im voraus. Eine verschobene Pressekonferenz könnte da ein Indiz für Uneinigkeit unter den Anbietern und ein größeres Angebot sein.

Doch diesen Mechanismus wissen die Opec-Staaten längst auch für ihre eigenen Interessen zu nutzen. Sie verstehen die hohe Schule der Konferenzdiplomatie. Wer den Markt nicht wirklich beherrscht, der muß wenigstens versuchen, Signale zu setzen, die ihn in die richtige Richtung bewegen. So wie die sieben wichtigsten westlichen Industrieländer nach Konferenzen im Louvre oder im New Yorker Plaza Hotel versuchen, ihre Meinungsverschiedenheiten zu kaschieren und den Dollar zu stabilisieren, so pflegen die Ölländer ihre Rituale in Genf und in Wien.

Erstmals erfolgreich waren sie damit im Dezember 1986. Nach dem beispiellosen Preisverfall von 35 auf zeitweise weniger als zehn Dollar pro Barrel merkten die Mitglieder des einst so mächtigen Kartells, daß der Kampf jeder gegen jeden nur in den Ruin aller führte. Mühsam einigte sich die Gemeinschaft auf Förderquoten, die ihr Angebot der Nachfrage anpassen sollten. Daß der Irak schon damals nicht mitmachte, war nur ein Schönheitsfehler, der durch die Bereitschaft Saudi-Arabiens ausgeglichen wurde, selbst weniger zu produzieren. Binnen weniger Wochen stieg der Ölpreis wieder auf achtzehn Dollar.

Die Seelenmassage wirkte fast ein Jahr lang. Natürlich hat auch der eskalierende Tankerkrieg im Golf etwas nachgeholfen. Erst Anfang dieses Jahres sackte der Ölpreis wieder erheblich unter den offiziell von der Opec festgelegten Preis. Die Gemeinschaft begann abermals, mit Konferenzdiplomatie die Meinung der Märkte zu beeinflussen. Anfang April tagte ihr Preisausschuß, dem fünf Mitgliedstaaten angehören. Schon dieses Signal stoppte den Preisverfall. Und als sich auch noch die Vertreter von sieben Staaten, die nicht der Opec angehören, in Wien zu Gesprächen einfanden, da hatte der Ölpreis schon fast wieder das Limit von achtzehn Dollar erreicht. Es bedurfte nur der öffentlichen Ankündigung von Mexiko und Norwegen, sie seien bereit, die Förderung zu kürzen, und der etwas vollmundigen Erklärung von Rilwanu Lukman, eine „historische Entscheidung“ stehe bevor.

Der Mann versteht das Geschäft der öffentlichen Marktpflege. Tatsächlich aber können nicht einmal noch so schöne Einigkeitsversprechen der neuen Freunde aus Opec und anderen Ölländern das nach wie vor bestehende Mißverhältnis zwischen Angebot und Nachfrage beseitigen. Großbritanniens Premierministerin Margaret Thatcher macht sowieso nicht mit. Und jede Preiserhöhung ist potentieller Anreiz für viele Produzenten, sich aus der Solidarität zu verabschieden.