Der Überbringer der Schreckensnachricht im „Orient-Expreß“ Paris-Budapest ist zunächst nur ein freundliches Männlein, das mit den Damen in meinem Abteil – alles Ungarinnen – plaudert. Zwei von ihnen haben mindestens sieben Koffer, dazu Schachteln, Tüten, Taschen und Kartons bei sich; wie sich später zeigen wird, fast ausschließlich voller Bananen.

Der Mann entpuppt sich als Amtsperson, die mein Visum sehen möchte. Das habe ich nicht, denn laut Auskunft des Staatlichen Ungarischen Reisebüros kann ich es an, der Grenze im Zug erhalten. Paßbilder habe ich dabei. „Ausgeschlossen“, sagt der Mann, „täglich kommen fünf bis zehn so wie Sie, die glauben, es ginge. In jedem Zug sitzen welche, aber es geht wirklich nicht.“ Er zückt eine dienstliche Druckschrift in deutscher Sprache; da steht es: „In Reisezügen werden keine Visa ausgestellt.“ Die Stelle ist heftig unterstrichen, vom vielen Drauf zeigen schon ein wenig gräulich. Doch der Mann weiß Rat: Ich soll am letzten Haltepunkt in Österreich aussteigen, ein Taxi nehmen und im ersten Bahnhof auf ungarischer Seite wieder zusteigen. An der „Autogrenze“ nämlich gibt es Visa, die ganze Strecke umfaßt nicht mehr als 40 Kilometer. Die Fahrer sind routiniert, kennen die Zollbeamten-und so weiter.

Die vier Frauen haben Mitleid, ich sage ihnen ade und betrete den kleinen Bahnhof von A-2460 Bruckneudorf. Der Taxifahrer, ein später Rock ’n’ Roller, sitzt kaum im Auto, als es mit dem Überholen losgeht, 160, 170 Stundenkilometer, auf freier Strecke etwas mehr. Ob wir das Unwahrscheinliche schaffen und meinen Zug noch erwischen? Garantie will er keine geben; aber – Innenbeleuchtung an, Griff ins Handschuhfach (bei Tempo 165) – „Füllen Sie schon mal den Visa-Vordruck aus.“ Die Fragen souffliert er, lesen ist schwierig bei diesem Tempo: „Vorname, Name, Geburtsname der Mutter (herrscht in Ungarn das Matriarchat?). Bei Fahrzeugtyp schreiben Sie ‚Taxi‘.“ Wird gemacht. Nebenbei erzählt er mir, daß er seit 17 Jahren diese Touren fährt.

Vorschriftsmäßig gehen wir in Ortschaften auf etwas über 90 Sachen runter, holen aber auf der Landstraße – „das hier ist die E 5, wahnsinnig viele Unfälle hier, was ich da schon Tote gesehn hab’“ – wieder auf. Die gelben Lichter da vorne? „Ja, die Grenze.“ Ran an den herrlich bunten Doppelschlagbaum (rot-weiß-grün plus Wappen) und drunter durch, obwohl er nur halboffen ist. Wir stürmen auf die Abfertigungshalle zu. Drinnen schiebt sich der Fahrer („31 Mark, schnell!“) mit Geld, Paß und Vordruck an einer von unserem Auftritt wie gelähmten Warteschlange vorbei. Es klappt, und mit dem Visum rennen wir zurück zum Wagen. Über die Diplomatenspur („Die nehm’ ich immer“) fahren wir auf die Kontrollboxen zu. „Geben Sie mir die Pornos aus dem Handschuhfach“, sagt der Fahrer; ich reiche ihm den Schweinkram, und er gibt ihn weiter an den frierenden Grenzer, der mit dem gerollten Heftchen vor einem Offizier wegduckt und dann im Glashäuschen verschwindet (seither weiß ich, wieso Kontrollen hinter geschlossenen Gardinen stattzufinden haben).

Eine oberflächliche Kofferraumkontrolle – „jetzt schaffen wir’s“, sagt der Fahrer. Ein Bahnübergang, und natürlich ist die Schranke unten. ‚Da links, das ist Ihr Zug!“ ruft der Fahrer, und ich nutze die Pause, um 117 Mark für die Fahrt (Trinkgeld geht extra) aus der Tasche zu ziehen. Ein Grenzer, dem mich mein Begleiter förmlich mit Blicken zuwirft, prüft nur kurz den Paß mit dem schwer erkämpften Visum. Wir hetzen, in Begleitung eines anderen Grenzers, der nichts sehen will, über Gleise, Bahnsteige und Schotter zum Zug. Der Fahrer stellt meine Tasche in die offene Waggontür, drückt mir bewegt die Hand und ist fort.

Gleich darauf sitze ich wieder bei „meinen“ Damen. Großes Staunen, große Freude – eine Schicksalsgemeinschaft nun auch wir. Sie bieten mir Schokolade an, ich lerne mein erstes ungarisches Wort: köszönöm – danke. Und dann gibt es viel zu erzählen. Klaus Lange