Gott straft gewiß den Frechen,

Der die Unschuld verführt.

Ihm giebt selbst sein Verbrechen

Den Lohn, der ihm gebührt.

Unglücklicher, bedauernswürdiger Vater! du sitzest in Ketten und Banden. Die Blutrichter fertigen dein Urtheil. Dein Leichtsinn und deine Unmäßigkeit ist Ursache, daß deine Tochter eine Kindermörderin geworden ist. Schon siehst du in Gedanken den Scharfrichter das Schwerdt zucken und ihr Haupt abschlagen. Und darüber blutet dir dein Herz im Leibe: dein böses Gewissen zerreißt es, wie mit Löwenklauen. Armer Mann! Doch nein! Du bist ein glücklicher Mann! Ich bin elender, als du! Ich bin der Mörder deiner Tochter und ihres Kindes! Ich bin dein Henker, der die letzten Tage deines Lebens vergiftet. Ihr habt aus Unverstand gefehlt: ich aus Muthwillen. Euch straft der menschliche Richter: Gott verzeiht euch! Mich läßt der irdische Richter ungestraft: dafür straft mich Gott. Hier liege ich. Mein Leib ist voller Schwären und Beulen. Meine Stimme lautet wie das Pfeifen einer Schlange. Die Wundärzte schneiden mir ein verfaultes Glied nach dem andern ab. Morgen wollen sie den Nasenknorpel auslösen. Bald werden mich die Würmer auffressen, ehe ich noch in die Erde komme. Den linken Arm kann ich vor Gichtbeulen nicht rühren. Das letzte, was ich mit der rechten Hand verrichte, ist, daß ich dir dieses schreibe. Es tröstet dich vielleicht, zu wissen, daß der Verführer elender ist, als die Verführte, der Betrüger unglücklicher, als die Betrognen. Deine arme Tochter war die letzte von den vielen unschuldigen Seelen, die ich der Wollust aufgeopfert habe. Wenig Tage, nachdem ich, mit Hohngelächter über ihre Einfalt, daß sie glaubte, ich würde wiederkommen und sie nachholen, zum Regiment ging, machte ich mich mit einer Gassenhure gemein, deren erster Verführer ich auch gewesen war. Diese gab mir den verdienten Lohn und steckte mich mit einer garstigen Krankheit an. Mein Geblüt hatte ich vorher schon durch mein unzüchtiges Leben verdorben, und alle Kräfte geschwächt. Die Krankheit fraß also plötzlich um sich, und setzte mich in den abscheulichen Zustand, darin ich mich befinde. Alle Kunst der Aerzte ist nun vergebens. Ich verfaule bey lebendigem Leibe. Der Gestank, der von mir ausgehet, tödtet mich fast selbst. Alle Menschen fliehen vor mir, wie vor der Pest. Und wenn ich so einsam und verlassen da liege, ist mir immer, als hörte ich schon die Unglücklichen, die ich verführt habe, mit denen, die wieder durch sie verführt worden, und den Eltern aller vor dem Richterstuhle Gottes wider mich Rache schreyen. Mir ist, als sähe ich allenthalben um mich her die verwahrlosten Kinder dieser Elenden wegen Diebstahl, Einbruch, Mord und Brand in Ketten und Banden werfen, und ich höre sie alle wider mich, als den Urheber ihres Unglücks, zeugen. Wenn nur die Erde unter mir sich aufthäte und mich verschlänge. Schickt diesen Brief in euer Dorf und macht ihn von Dorf zu Dorf weiter bekannt. Alles, was ich leide, die unsäglichen Schmerzen, der unerträgliche Geruch, der kalte Angstschweiß, der Eckel vor mir selbst, der Abscheu anderer, das böse Gewissen und die Höllenangst und Verzweiflung- – alles kommt von der Hurererey, dem Ehebruch und andern stummen Sünden, die ich mein Lebenlang verübt habe. Nun muß ich euch sagen: in den Spitälern liegen auch manche Bauerssöhne in gleichem Elend und schmachten nach dem Grabe. Als Mägde und Bedienten suchen sie in der Stadt ein besseres Fortkommen, werden von meines Gleichen verführt, fallen dann immer tiefer ins Laster und nehmen ein Ende, wie ich. Ich möchte mit meinem letzten Athemzuge allen Töchtern und Söhnen des Landes zurufen: bleibt wo ihr seyd: Hütet euch vor meines Gleichen! und fliehet vor jeder Gelegenheit zur unerlaubten Wollust, wie vor der giftigsten Schlange! Ich schreibe dieses zitternd auf dem Todtenbette mit der letzten Kraft, die mir die Wollust übrig gelassen hat. Gott erbarme sich meiner armen Seele!

Baron von S...