Von Joachim Nawrocki

Rathaus Schöneberg, Montag vor einer Woche. Es tagt der vom Berliner Abgeordnetenhaus eingesetzte Untersuchungsausschuß, der die "Hintergründe von öffentlichen Entscheidungen im Berliner Bau- und Grundstücksbereich" aufklären soll. Es ist die 81. Sitzung; vernommen wird der 151. Zeuge: der ehemalige Referatsleiter in der Senatsbauverwaltung, der bereits wegen Vorteilsannahme und Meineides zu drei Jahren Haft verurteilte Hans Manzke. Geklärt werden soll die Frage, ob der Bauingenieur Heinz Ruths dem Münchner Baubetreuer Bernd Bertram per Blankoscheck bis zu einer Million Mark dafür geboten hat, daß Bertram in Berlin nicht als Preisbrecher auftritt. Bertram hatte das behauptet, und er wußte auch von anderen Methoden zu berichten, die den Hecht aus dem Karpfenteich vertreiben sollten.

Ruths dagegen, dessen Ingenieurbüro bei ungezählten Projekten die Bauleitung oder ähnliche Aufgaben hat, erklärte unter Eid, Bertrams Aussagen seien "völliger Unsinn". Er wie Bertram berufen sich auf Manzke als Zeugen. Aber Manzke verweigert die Aussage. Der sogenannte "Korruptionsausschuß" kommt wieder keinen Schritt weiter.

Moabit, Landgericht Berlin, Schwurgerichtskammer, Donnerstag vor einer Woche. Verhandelt wird gegen den Gastwirt Manfred Brumme, elfmal vorbestraft, und den Fleischer Dieter Langpap, acht Vorstrafen. Brumme soll laut Anklage im Auftrag des Berliner Rechtsanwalts Christoph Schmidt-Salzmann Mordanschläge gegen die Immobilienmakler Schmidt und Mewes organisiert haben. In beiden Fällen führte der Beauftragte, dem 125 000 Mark versprochen worden waren, die Tat jedoch nicht aus. Brumme heuerte daraufhin Langpap und dieser einen weiteren Mittäter mit dem Auftrag an, den Makler Schmidt anzuschießen. In einer Tiefgarage erlitt Schmidt einen Oberarmschuß. Da dies Schmidt-Salzmann zu wenig war, erteilte dieser Langpap den Auftrag "nachzubessern", wobei Schmidt durchaus getötet werden könne; Langpap und sein Mittäter wurden jedoch rechtzeitig festgenommen, weil Schmidt nach dem ersten Attentat sofort Schmidt-Salzmann als Urheber verdächtigte.

Schmidt und Schmidt-Salzmann waren im lukrativen Sanierungs- und Bauträgergeschäft tätig und stritten sich um anderthalb Millionen Mark. Für den in der Schweiz lebenden Mewes hatte Schmidt-Salzmann eine Vermögensverwaltung übernommen, über die es zu zivilrechtlichen Auseinandersetzungen kam; auch hierbei ging es um Millionen. Eine Durchsuchung bei Schmidt-Salzmann ergab zunächst zur Sache wenig. Aber es fand sich eine versteckte Briefkopie: "Lieber Wolfgang! Aus gegebenem Anlaß muß ich Dich an unsere Abmachung erinnern. Wie Du weißt, habe ich Dir 200 000 Mark bezahlt... Besorge mir den versprochenen Erbbaurechtsvertrag sowie die Baugenehmigung, wie Du es versprochen hast, sonst werde ich sehr ungemütlich!" Der liebe Wolfgang war der Charlottenburger Baustadtrat Antes. So wurde die Antes-Affäre und eine Welle weiterer Korruptionsskandale aufgedeckt. Schmidt-Salzmann, den festzusetzen niemand für nötig befand, taucht derweil mal in Marbella, mal in Beverly Hills auf.

Die Berliner Justiz ist mit der Aufarbeitung des Antes-Franke-Bertram-Ruths-Komplexes seit über zwei Jahren voll beschäftigt, und hätte nicht die 14. Strafkammer den Prozeß gegen den früheren Staatssekretär für Finanzen, Günther Schackow, und den Geschäftsführer der landeseigenen Wohnungsbaugesellschaft "Stadt und Land", Adolf Blasek, wegen einiger fehlender Akten bis zum Herbst ausgesetzt, dann wären wohl bis zum Beginn des Berliner Wahlkampfes Anfang nächsten Jahres alle Verfahren beendet. Auch der Untersuchungsausschuß will bis dahin seine mühsame Arbeit – viele hundert Aktenordner sind zu sichten, allein 130 für eins von 35 zu untersuchenden Bauprojekten – abgeschlossen haben. Bis Juni sollen alle Zeugen gehört sein, im November soll ein Entwurf des Abschlußberichts vorliegen.

Die Justiz hat bisher folgendes erreicht: Im Antes-Komplex gibt es neun rechtskräftige Urteile. Antes erhielt fünf Jahre Haft und ist schon auf freiem Fuß; angeblich bezieht er Arbeitslosenunterstützung. Der Wuppertaler Kaufmann Otto Putsch erhielt zwei Jahre Haft wegen Bestechung, der Bordellier Otto Schwanz drei Jahre sieben Monate. Der Steuerberater Wolfgang Kind wartet noch auf ein Verfahren wegen schwerer Brandstiftung; bei dem vermuteten warmen Abriß gab es einen Toten. Einige Verfahren wurden eingestellt; zwei wegen Falschaussage vor dem Korruptionsausschuß hängen noch an.