Das Stück spielt in Rußland zur Zeit des Zaren. Zwei Freunde, die eben die höhere Schule beendet haben, verabreden einen Ulk: Sie tauschen ihre Papiere, schlüpfen jeweils in die Rolle des anderen. Wanja, der Sohn eines angesehenen russischen Offiziers, und Herschko, der aus einer jüdischen Familie kommt, erfahren jeweils am eigenen Leib, was es im Zarenreich bedeutet, Russe oder Jude zu sein. Der eine lernt, frei zu atmen, der andere, Demütigungen hinzunehmen. Um die Angelegenheit zusätzlich zu komplizieren, verlieben sich beide in dasselbe Mädchen, die Tochter eines jüdischen Kaufmanns. Sie wird nun hin- und hergerissen, die Eltern möchten, daß sie sich für den Juden entscheidet, von dem sie nicht wissen, daß er keiner ist. Sie selbst zieht den falschen Offizierssohn vor, der in Wirklichkeit ein Jude ist, was sie freilich nicht weiß.

– Am Ende wird der Konflikt von der Obrigkeit gelöst. Sowohl Wanja wie Herschko werden verhaftet, der eine, weil er die für Juden notwendige Aufenthaltserlaubnis nicht hat, der andere, weil er sich als der Sohn eines Offiziers ausgibt. Die Polizei des Zaren ist brutal, aber gerecht. So kommt das jüdische Mädchen um die Entscheidung seines Lebens und das Publikum um das Happy-End, das es erwartet hat.

Die tragikomische Geschichte von Wanja und Herschko ist ein altes jüdisches, genauer: jiddisches Melodram. Es heißt: „Schwer zu sein a Jid“, geschrieben wurde es von Schalom Alejchem (1859-1916), dem bekanntesten ostjüdischen Dichter, Humoristen und Satiriker, der auch Tewje, den Milchmann, kreiert hat, jenes Volksstück, das als Vorlage für das Musical „Anatevka“ diente. Es handelt, wie fast alle Stücke von Schalom Alejchem, vom Leben und Leiden der Juden in Osteuropa in jener Zeit, die zu Unrecht nostalgisch verklärt wird. Und auch „Schwer zu sein a Jid“ enthält eine Botschaft jenseits von Zeit und Raum, eine jener Weisheiten, die immer und überall gelten. „Es ist nicht schwer zu sein a Jid“, sagt einer der Protagonisten, „es ist schwer zu sein a Mensch...“

Mit Schalom Alejchems Drama wurde in Tel Aviv „Das Jiddisch-Theater von Israel“ eröffnet, die erste permanente Jiddisch-Bühne im Lande. „Es kann keinen Anfang geben, der symbolträchtiger wäre“, sagt Schmul Atzmon, Gründer und Direktor des Unternehmens. „Alejchem ist ein Klassiker der jiddischen Kultur, er ist ein Klassiker des jiddischen Theaters, es ist noch immer schwer zu sein ein Jude und: es ist sehr schwer zu sein ein jiddisches Theater. Das hat die Wirklichkeit hier gezeigt...“

Atzmon weiß, wovon er spricht. Seit acht Jahren versucht er, ein jiddisches Repertoire-Theater in Israel ins Leben zu rufen. Aber die Sprache und die Kultur von Millionen osteuropäischer Juden hatte in der ersten jüdischen Republik keinen leichten Stand. Schon der gute Theodor Herzl schrieb in seinem „Judenstaat“, im Staat der Juden werde ein jeder „seine Sprache, welche die liebe Heimat seiner Gedanken ist“, behalten, nur eine Möglichkeit wollte er nicht zulassen: „Die verkümmerten und verdrückten Jargons, deren wir uns jetzt bedienen, diese Ghetto-Sprache, werden wir uns abgewöhnen. Es sind die verstohlenen Sprachen von Gefangenen ...“

Jiddisch war also ein „Jargon“ und ein Symbol für das Leben im Ghetto. Als Souverän im eigenen Land hatten die Juden in Eretz Israel für das frühere Leben in der Diaspora nur Verachtung übrig. Ein neuer Typus des jüdischen Menschen sollte geschaffen werden. An Stelle des blassen Stubenhockers und Schriftgelehrten trat ein kräftiger Bauer und Arbeiter. Der verdrückte Jargon wurde durch die alte, neugefundene Nationalsprache ersetzt: Hebräisch.

In den dreißiger und vierziger Jahren kam es im „Jischuv“, dem „Staat unterwegs“, zu einem regelrechten Kulturkampf zwischen Hebraisten und Jiddischisten, der mit einer totalen Niederlage des Jiddischen endete. Nun, da der Kulturkampf längst entschieden ist, sind die Hebraisten toleranter geworden und die Jiddischisten „kommen raus aus den Löchern und identifizieren sich mit Jiddisch“, sagt Atzmon. „Es sind da Zehntausende von Juden, welche aufgehört haben, sich ihrer Muttersprache zu schämen...“