Nichts ist vergeblicher als der Kampf der Söhne gegen die Väter. Denn die Väter sterben, und die Söhne werden Väter. Wenn der Generationskonflikt etwas Naturwüchsiges hat, dann unterliegt er dem unermüdlichen Kreislauf der Natur, und seine Wiederkehr erscheint als Fluch. Aber der naturwüchsige Konflikt ist zugleich ein gesellschaftlicher; in jeder Epoche drückt er sich anders aus, und jede Generation erfährt ihn anders. Sie erlebt ihn als unmittelbar und noch nie dagewesen.

„Dein Vater ist ein guter Kerl“, sagt der Student Basarow zu seinem Freund in Turgenjews Roman „Väter und Söhne“ (1862), „allein, er ist reif für die Rumpelkammer, seine Zeit ist abgelaufen.“ Basarow ist Vertreter der neuen antiautoritären Generation der von Turgenjew sogenannten Nihilisten. „Ein Nihilist ist ein Mensch, der sich vor keiner Autorität beugt.“ Am Ende stirbt Basarow – früher als die Väter.

Schwach sind die Söhne und stark die Väter in den Romanen von Joseph Roth. In „Zipper und sein Vater“ (1928) heißt es: „Wir werden uns nie verständlich machen, wie Dein Vater es noch konnte. Wir sind dezimiert. Wir sind zu wenige. (...) Daß wir nicht freiwillig sterben, ist alles.“

Jede Generation der Söhne, gleichgültig, ob sie selbstbewußt und überheblich auftritt wie bei Turgenjew oder voller Selbstmitleid und Schwäche wie bei Roth, bildet sich ein, ihr Kampf gegen die Väter sei einzigartig und von besonderer Tragweite. Das gilt auch für jene Generation, die in den Kriegsjahren oder kurz danach geboren wurde. Ihr Konflikt jedoch kennt kein Vorbild, denn ihre Väter hatten etwas getan, was Menschen in dieser Weise noch nie getan hatten: die mit moderner Effizienz betriebene systematische Ausrottung eines ganzen Volkes.

Der Generationskonflikt, den die Söhne der Titer von Auschwitz erfuhren, war deshalb einzigartig. Diese Väter hatten nicht nur die Kraft besessen, einen ganzen Kontinent in Schutt und Asche zu legen, über Millionen von Menschen Tod und Elend zu bringen, eine ganze Kultur auszulöschen und der Apokalypse so nahezukommen wie in der Geschichte nie zuvor, sondern sie besaßen außerdem die vielleicht noch erstaunlichere Kraft, die Trümmer wegzuräumen, neue Häuser und neue Fabriken und neue Schulen zu errichten, auf alte Weise Familien zu bilden, Kinder zu zeugen, im alten Geist abzurichten und zu erziehen, die alten Autoritäten und die alte Moral wieder ins Recht zu setzen, und das alles so, als ob nichts gewesen wäre und als ob das Gewesene nicht etwas gänzlich anderes erfordert hätte.

Diese Kraft war nicht nur erstaunlich, sie war auch gespenstisch, und man sprach von einem Wunder. Aber es war kein Wunder. Es war Anmaßung einerseits, Dummheit andererseits. Beides, in der Tat, gibt die Kraft, das zu tun, was derjenige, der in sich geht, nicht über sich bringt.

Es gab Menschen, die eine wirkliche Erneuerung wollten, und es gab Schriftsteller, die ihnen Stimme verliehen, von Borchert und Koeppen bis Böll und Grass und Lenz, Nossack nicht zu vergessen und Peter Weiss nicht und viele andere. Es waren die Besten der deutschen Nachkriegsliteratur, die den faulen Frieden störten, aber sie blieben schmählich in der Minderheit. Die Mehrheit verschaffte sich, wenn auch gelegentlich mühsam, ein gutes Gewissen.