Es geht uns an, ob uns das gefällt oder nicht. Weil die Bundesrepublik so ist, wie sie ist, und die DDR so ganz anders, sind wir "indirekt mitverantwortlich" für das DDR-Ausreiseproblem, wie das die Berlin-Brandenburgischen Synodalen und ihr Bischof Forck vertreten haben. Die Hauptverantwortung bleibt bei der DDR. Erst wenn sie sich dem Problem stellt und auf die Wünsche ihrer Bürger nach Veränderung eingeht, wird es zu lösen sein. Wir sind aufgerufen nachzudenken, wie wir unserer Mitverantwortung gerecht werden können.

Dafür müssen wir unsere Verfassung nicht ändern, sondern etwas viel Schwierigeres tun, nämlich umdenken: weg vom emotionalen Antikommunismus, der uns über vierzig Jahre zu unserer westdeutschen Identität verhalf und in uns die angenehme Überzeugung festigte, zum besseren Teil der Welt zu gehören. Das führte bei uns zu Arroganz und auf DDR-Seite zu überhöhten Erwartungen vom Leben im Westen. Laut Verfassung sind die DDR-Bürger Deutsche wie wir. Betrachten wir sie in Wirklichkeit aber nicht insgeheim als Deutsche zweiter Wahl, solange sie drüben leben? Sobald sie aber zu uns in den Westen kommen, werden aus ihnen Deutsche de luxe. Hat nicht jeder Liedermacher, Schriftsteller, Ingenieur oder Arzt aus der DDR schon durch seine Herkunft bessere Chancen gegenüber jenen, die hier aufwuchsen? Liegt nicht darin schon jener "Abwerbemechanismus", von dem der Bischof sprach? Wir sind fremdenfeindlich gegenüber Türken und Tamilen. Dagegen ist uns jeder, der aus dem Kommunismus kommt, herzlich willkommen; das sind wir unserem Selbstwertgefühl schuldig.

In manchen Gegenden der DDR ist die ärztliche Versorgung gefährdet, weil inzwischen viele Ärzte in den Westen ausgereist sind. Wir sagen, das sei ihr gutes Recht, es gehöre zur Freiheit eines jeden, selber zu bestimmen, wo er leben will. Doch Freiheit ist nie uneingeschränkt. Auch nach unserem Grundgesetz darf sich jeder nur soweit frei entfalten, wie er "nicht die Rechte anderer verletzt". Auch bei uns stößt Freiheit also an die Grenzen des Gemeinwohls. Man könnte ’fragen, ob ein Arzt, der seine DDR-Patienten verläßt, nicht deren Recht auf ärztliche Versorgung verletzt. Zumal dieser Patient indirekt die Ausbildung dieses Arztes mitgetragen hat.

Natürlich darf sich niemand anmaßen, von einem Arzt zu verlangen, sein Leben lang dem Staat zu dienen, der ihm die Ausbildung ermöglichte. Aber könnten wir nicht nach Lösungen suchen, die Arzt und Patienten zugleich gerecht werden? Wie wäre es zum Beispiel, wenn Ärzte sich verpflichten müßten, nach ihrer Ausbildung noch mindestens fünf Jahre in der DDR zu bleiben? Und wir müßten dann, wie es bei Pfarrern oder Sportlern bereits üblich ist, eine berufliche Karenzzeit akzeptieren. Oder warum sollte es eigentlich nicht möglich sein, daß arbeitslose westdeutsche Ärzte eine bestimmte Zeit in der DDR arbeiten? Ihre Unterstützung würde hier auf ein Konto gezahlt. In der DDR lebten sie von dem dort verdienten Geld. Eine derartige Regelung wäre vielleicht auch für andere Berufe vorstellbar, in denen Arbeitslosigkeit herrscht. Solche Regelungen könnten obendrein das Zusammengehörigkeitsgefühl der Deutschen fördern.

Immer mehr Menschen in der DDR messen ihr Land inzwischen an der Sowjetunion und dem, was sie von dort erfahren. Die DDR wird sich ändern, die Regierung aufhören müssen, ihre Menschen zu entmündigen, sie wie verfügbare Objekte zu behandeln. Viele wollen ihr Land gar nicht verlassen, würden viel lieber dort leben, wo sie aufgewachsen sind, wo ihre Verwandten, ihre Freunde sind. Sie haben resigniert.

Die Kirche bemüht sich seit langem, einen sozialen Friedensdienst (in Krankenhäusern und Altenheimen) als Ersatz für die Armeezeit durchzusetzen. Die DDR-Führung hat das bisher abgelehnt. Anstatt sich mit den Kriegsdienstverweigerern im Lande auseinanderzusetzen, schiebt sie die kritischen Bürger zu uns ab. Hier werden wir zu willkommenen Abnehmern ihres Unruhepotentials. Aber jeder Engagierte, der aus der DDR weggeht, fehlt denen, die bleiben und sich für Veränderungen im Land einsetzen.

Niemand verlangt, daß wir deshalb die Grenze vom Westen her dichtmachen. Wir sollen nur unsere Mitverantwortung an dem Problem anerkennen und überlegen, was wir tun können, um zu einer wirklich friedlichen Partnerschaft mit einer DDR zu kommen, für die freizügiges Hin und Her von Menschen und Gedanken und somit auch die Einreise kein Problem mehr wäre.