Von Karl-Heinz Büschemann

Die Konkurrenz hat mit Häme nie gegeizt. Die fixe Idee eines alten Mannes, aus seiner privaten Schatulle ein Flugzeug zu entwickeln, das zugleich auf dem Lande wie auf dem Wasser starten und landen kann, haben die etablierten Flugzeugbauer nie sonderlich ernst genommen. „Das wird nichts“, sagte ohne Umschweife ein Topmanager des Flugzeugbauers Messerschmitt-Bölkow-Blohm (MBB) zu dem Plan des über siebzigjährigen Claudius Dornier, auf eigene Faust ein zwölfsitziges Amphibium zu entwickeln. Die Zeit der Flugboote war in den fünfziger Jahren zu Ende gegangen, als der Aufstieg der Hubschrauber begann.

Wohl auch nicht ohne Grund hatte sich das Friedrichshafener Flugzeugbau-Unternehmen Dornier geweigert, das Flugboot zu bauen, obwohl Claudius Dornier bis Ende 1981 sogar dessen Chef war und dieser zweitgrößte Flugzeughersteller der Bundesrepublik einst mit schwimmfähigen Fliegern Weltruhm erlangte. Als dann auch gleich der erste Prototyp des neuen Fliegers bei einer Wasserung auf dem Bodensee zu Bruch ging, wandten sich die Fachleute von Claudius Dörniers Seastar ab und prophezeiten dem naiven Abkömmling der Flugzeugbauer-Sippe und seinem ehrgeizigen Projekt eine endgültige Bruchlandung.

Nun wird es anscheinend doch etwas. Mehr als sieben Jahre sind vergangen, seit Claudius Dornier die Realisierung seines Seastar anging, und der Flugzeugnarr erlebte nur noch die ersten Probeflüge eines Testflugzeuges, bevor er 1986 starb, aber seine Söhne verfolgten die Idee des Vaters weiter. Weil es ihnen jetzt gelungen ist, die Bundesregierung zur finanziellen Förderung ihres ehrgeizigen Projektes zu bewegen, will sich nun auch Bayerns Landesregierung nicht mehr zurückhalten. Rund 45 bis 50 Millionen Mark an öffentlichen Hilfen werden in den nächsten Wochen und Monaten auf das Konto der Mini-Firma Claudius Dornier Seastar GmbH & Co. KG in Oberpfaffenhofen bei München fließen. „Damit können wir die Serienproduktion finanzieren“, stellt der 34jährige Conrado Dornier fest, der in der Sechzig-Personen-Firma Geschäftsführer ist.

Nun kann es endgültig losgehen mit dem Flugzeug, das schon in der Entwicklungszeit immer wieder in Turbulenzen geriet, das nun aber durch die staatliche Förderzusage „ein Gütesiegel“ (Conrado Dornier) erhielt. Claudius Dornier machte sich in einem Alter ans Entwicklungswerk, in dem andere Exunternehmer sich längst in warme Klimazonen abgesetzt haben, um dort von ihren Zinsen zu leben. Obwohl etablierte Flugzeugbauingenieure abwinkten, ließ sich der Alte von seiner Idee nicht abbringen. Er griff auf Pensionäre aus seinem alten Unternehmen, aber auch auf junge, nach einem interessanten Job suchende Flugzeugbauingenieure ohne Berufserfahrung zurück, um sie in einem winzigen Entwicklungsbüro in Immenstaad am Bodensee die ersten Striche für dieses Flugzeug ziehen zu lassen.

Dorniers Ehrgeiz war es zu allem Überfluß auch noch, absolutes technisches Neuland zu betreten: Er wollte den Seastar unbedingt vollständig aus Kunststoff bauen, weil es produktionstechnisch billiger ist. Diese Bauweise macht das Flugzeug außerdem leichter, und obendrein kann beim normalen Einsatz im Salzwasser nichts korrodieren. Doch das hatte es zuvor nur bei kleinen Segelflugzeugen gegeben. Ein alter Freund, der im Allgäu Wohnwagen aus Kunststoff baut, half bei den ersten Entwicklungsschritten. Dreißig Millionen Mark haben Claudius Dornier und später seine vier Erben in das Flugzeug gesteckt.

In den kommenden Wochen und Monaten wird sich nun das Leben in den Werkstätten auf dem Flughafen von Oberpfaffenhofen intensivieren, wo alles eher an einen mittleren Handwerksbetrieb erinnert als an ein Flugzeugbauunternehmen mit weltweiten Ambitionen. Zur Zeit werkeln 20 Entwicklungsingenieure und Konstrukteure und 25 Fertigungsarbeiter in der Werkstatt, 10 Angestellte wickeln die Verwaltung ab, und 5 Vertriebsbeauftragte holen Aufträge ins Haus. Das Unternehmen soll auf dreihundert Beschäftigte wachsen, wenn die Serienproduktion Ende des nächsten Jahres angelaufen sein wird.