Alltag in der Tiefflug-Republik Deutschland

Von Thomas Kleine-Brockhoff und Joachim Riedl

Oettingen, im April

Morgens um sechs ist in Oettingen die Welt noch in Ordnung. Kann sein, daß schon eine Stunde später die Hölle losbricht. Wenn das schmucke Städtchen im fränkischschwäbischen Grenzland erwacht, hoffen viele Oettinger, daß schwere Regenwolken tief über den Kirchtürmen hängen. Denn an jedem Morgen, an dem der liebe Gott die Sonne scheinen läßt, stürzen sich Luftgeschwader der Nato auf den mittelalterlichen Ort. Ab sieben Uhr zerfetzt dann das donnernde Dröhnen der Düsenaggregate die Idylle. Piloten aus der Bundesrepublik, den Vereinigten Staaten, Großbritannien, Belgien, den Niederlanden und Kanada üben im Tiefflug den Krieg in der Luft.

Donnerstag vorvergangener Woche: Kein Wölkchen trübt den strahlend blauen Himmel – Tiefflugwetter. Um 7.47 Uhr schießt mit dumpfem Grollen eine Rotte Alpha-Jets über die Getreidefelder der Umgebung. Kurz darauf: Nur den Bruchteil einer Sekunde lang verfinstert ein schwarzer Schatten den Marktplatz – der erste direkte Überflug des Tages; brüllender Lärm, die Erde bebt, in den Fachwerkhäusern klirren die Fensterscheiben.

Dann, um 8.34 Uhr, rast von Süden kommend ein Jagdbomber in etwa 200 Meter Höhe heran. Er fliegt einen Angriff auf die kleine Eisenbahnbrücke über die Wörnitz. Kurz vor dem Ziel drückt der Pilot seine Maschine tiefer – nur noch 75 Meter hoch. Er simuliert einen „Überkopfabwurf“: Kaum daß die imaginäre Bombe abgeworfen ist, zieht er das Flugzeug mit Vollgas steil in den Himmel. Einen Augenblick lang steht der Jet senkrecht über der Stadt; man blickt direkt in das röhrende Triebwerk. Das ist der schlimmste Moment: Die gewaltige Schubkraft der Düsen preßt einen infernalischen Lärmschwall in Gassen und Häuser. Noch ein halber Looping und der Tiefflieger entschwindet so schnell wie er gekommen ist. Zurück bleiben, eine halbe Minute lang, der Donnerhall und ein schwarzer Schweif: verbranntes Kerosin, das langsam auf die Dächer von Oettingen rieselt.

Jahrein, jahraus ertragen die Bürger der Stadt solche Luftangriffe auf ihr Trommelfell in ohnmächtiger Resignation. Das tausendjährige Oettingen liegt inmitten der bayerischen Area Seven, eines der sieben Tiefstfluggebiete der Bundesrepublik. Hier dürfen Militärpiloten bis auf die Mindestflughöhe von 75 Metern (250 Fuß) heruntergehen; in ihrem übrigen Fluggebiet, etwa zwei Drittel des bundesdeutschen Luftraumes, müssen sie ein Limit von 150 Metern einhalten. Die Differenz ist letztlich kaum hörbar, der Krawall eines Tieffliegers erstickt in jedem Fall alle anderen Geräusche. Im ganzen Land gibt es unzählige kleinere Städte, die, ähnlich wie Oettingen, vom Lärm der Düsenjäger betäubt werden; nur bei Kommunen mit über 100 000 Einwohnern ist der Überflug verboten.