Von Sibylle Zehle

Wir fahren in einem klapprigen Auto durch Pariser Prachtstraßen. Aue Faubourg St. Honoré, Champs Elysées. „Sehen Sie den Arc de Triomphe? Genau davor ist das Bürohaus meines Vaters. Es kennt ihn fast jeder in Paris.“ Elisabeth Badinter sagt das wie ein junges Mädchen. Ihr Vater, Marcel Bleustein-Blanchet, ist Frankreichs Werbe-Papst, ein greiser Tycoon. „Ich hatte die Chance, daß er mich von Anfang an mit Respekt behandelt hat. Es war die amour fou eines Vaters für seine Tochter. Das hat mich unabhängig werden lassen.“

Der Place de la Concorde empfängt uns mit weitgeöffneten Armen. Hier, am Eingang des Tuilerien-Gartens, stand während der Revolution die Guillotine, rollten die Köpfe. Elisabeth Badinter sagt: „Die Mehrheit der Franzosen ist für die Todesstrafe, immer noch.“ Ihr Mann, Robert Badinter, hat 1981 die Guillotine abgeschafft. Der hoch angesehene Jurist war damals Justizminister unter Mitterrand, „das gute Gewissen der französischen Linken“. Heute ist der liberale Großbürger oberster Verfassungsrichter.

Elisabeth Badinter trägt keinen Schmuck. Keinen Hauch Rouge. Soviel Unauffälligkeit muß Absicht sein. „Sie haben recht“, sagt sie, „aber ich wollte nie die Tochter des reichen Vaters sein.“ Sie bremst vor einer Ampel. „Und später nicht die Frau des Ministers.“

In der hochnäsigen Halle des Hotels Bristol waren vorhin dennoch alle Augen auf sie gerichtet. Sie hat einen auffallend aufrechten Gang. Seltsam: Erst wer beobachtet, wie frei sie ihren Kopf trägt, bemerkt, wie innerlich gekrümmt die anderen gehen.

Im Restaurant verliert sich das Herbe, Belehrende ihrer Sprache, das sie sich mit den Jahren als Philosophie-Professorin an der Pariser École Polytechnique wohl angewöhnt hat; so prononciert dozierte sie auch von den Podien der L’Instituts Français, die sie unlängst in Deutschland besuchte; plötzlich ist sie von einer schönen heiteren Gelassenheit, die Stimme klingt belustigt: „In Frankreich ist das unentschuldbar: zu behaupten, bei Paaren werde zukünftig die Zärtlichkeit eine größere Rolle spielen als die Leidenschaft. Bei Talkshows waren alle angewidert: Sie müssen sexuelle Probleme haben, wenn Sie sowas sagen. Was ich propagierte, sei lauwarmer Sex. Das Ende der Lust.“

Mit ihrem Buch „Ich bin Du. Die neue Beziehung zwischen Mann und Frau oder Die androgyne Revolution“ hat Elisabeth Badinter die Franzosen ins Herz getroffen. Männer, die sich als Europameister in der Liebe fühlen, hören nicht gerne, sie heirateten in der Regel nicht Die Frau von nebenan, sondern die Kollegin aus dem Büro: „weil sie mit der auf derselben Wellenlänge funken“. Wo bleibt da Geheimnis, Verweigerung, Verführung, Verlangen, Süße, Rausch? „Am schlimmsten ist wohl“, lächelt die 44jährige Philosophin, „daß ich geschrieben habe, die modernen Paare würden sich gegenseitig bemuttern. Für Franzosen ein Horror.“